Von Bild zu Bild

Schon in den ersten Lebensjahren fangen Kinder an, Spuren zu hinterlassen und zu zeichnen. Ihre Bilder erzählen etwas von ihrer Weltwahrnehmung und ihren Erfahrungen. Sich aus eigenen Antrieb über Striche, Linien, Kritzel auszudrücken, gehört zu der Art und Weise, in der Kinder versuchen, sich selbst und der Welt nahezukommen. Allerdings wird diese Dimension der Kinderzeichnung in der institutionellen Bildung noch zu wenig berücksichtigt.

Was wäre, wenn wir Kinderzeichnungen in Kita und Schule anders denken? Ohne Defizitblick? Jenseits vorab festgelegter Bildergebnisse? Ohne den Kindern damit zu suggerieren, es gäbe im Hinblick auf ihre Bilder ein Richtig und ein Falsch?

Wie können wir Kinder in ihrer individuellen künstlerischen Entwicklung fördern? Und wie lassen sich Bilder­sammlungen von Kindern dafür nutzen?

 

Kirsten Winderlich lädt ein, Kinderzeichnungen neu zu betrachten und unsere Wahrnehmungsfähigkeit dafür zu entwickeln.

Was machen Kinder in ihren Bildern sichtbar? Und auf welche Weise spielen und experimentieren sie mit dem Was, das im Bild zum Erscheinen kommt?

Was macht ein Sehen aus, das auf neue Weise sieht?

Mittels zweier Methoden – dem Mapping: Ansehen und dem Mapping: Durchsehen – wird ein neuer forschender Blick auf Kinderzeichnungen möglich. Die mediale Aufbereitung der Bildersammlungen als analoger und digitaler „Katalog“ in Form von Mapping und Bildsequenzen regt an, sich forschend mit den Bildern auseinanderzusetzen, mit den Kindern eigene Sammlungen anzulegen und die künstlerische Bildung in Kita und Schule neu zu denken.

Neu bei wamiki

Cover von Bild zu Bild

 

Mit Kindern gemein­sam…

Essens­situationen ver­ändern   Methoden und Tipps zum Erkunden   Die vier Planungsschritte des Situationsansatzes: Erkunden, Ziele bestimmen, Handeln und Reflektieren sind besonders geeignet, um gezielt Veränderungsprozesse mit Kindern, Familien und im Team zu moderieren: In diesem Beitrag stellen wir exemplarisch Methoden und Tipps zu Schritt 1 vor: dem Erkunden. Erkunden In Schritt 1 geht es…

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BiKA-Studie, Selbstcheck und No-Gos

Mit Kinder essen und trinken – aber wie?

Im Sommer 2021 erschien die bundesweite Studie „Beteiligung von Kindern im Kita-Alltag“, die Fachhochschule Potsdam und die Universität Graz hatten sie im Auftrag des Bundesfamilienministeriums erstellt. Ein Team aus Wissenschaftlerinnen hatte Alltagssituationen in 89 Kitas und Krippen offen gefilmt und ausgewertet.

Vor allem beim Essen beobachteten die Forscherinnen immer wieder „grenzüberschreitenden Körperkontakt“ und nicht angemessenes Verhalten der pädagogischen Fachkräfte: Sie schoben etwa den Stuhl samt Kind so nah an den Tisch, dass das Kind den Oberkörper kaum bewegen konnte. Andere stellten den Teller auf dem Lätzchen ab, ebenfalls um zu verhindern, dass sich die Kinder beim Essen zu viel bewegen. In rund 30 % der zehnminütigen Essenssequenzen beobachteten die Forscherinnen solche Vorfälle ein- bis viermal. In 16 % der Situationen sogar noch öfter. Lediglich in einem Fünftel der ausgewerteten Spielsituationen und 11 % der Essenssequenzen beobachteten die Forscherinnen überhaupt kein grenz­überschreitendes Verhalten.

Wann ist Assistenz übergriffig?

Vor allem junge Kinder brauchen oft Unterstützung beim Essen, also Assistenz. Eine Assistenz-Handlung ist vor allem dann übergriffig, wenn das Kind gar keine Unterstützung braucht oder haben möchte. Ein Beispiel kann sein, dass es gefüttert wird, obwohl es eigentlich allein üben möchte, mit Besteck zu essen. Oder wenn einem Kind ungefragt ein Gegenstand aus der Hand genommen wird, beispielsweise eine Wasserflasche. Unangemessen wäre auch, einem Kind nicht zu helfen, das Unterstützung braucht und möchte.

Interagieren?

Worüber reden bei Tisch?

Das gemeinsame Essen ist mehr als nur Nahrungsaufnahme, es ist eine soziale Situation. Die Essenssituation ist eine wunderbare Möglichkeit, um gemeinsam ins Gespräch zu kommen, sowohl bei Erwachsenen als auch bei Kindern.

Spiegeln

Eigene Handlungen sprachlich zu begleiten, macht sie nachvollziehbar, schenkt Wörter und bietet Möglichkeiten zum Anknüpfen. Die Handlung der Kinder wertfrei in Worte zu fassen, also sie zu spiegeln, hilft außerdem dabei Fremd- und Selbstwahrnehmung miteinander abzugleichen, ins Gespräch zu kommen und kurze Wartezeiten zu überbrücken: „Lara nimmt sich gerade Kartoffeln.“ „Samuel hält dir die Wasserflasche hin.“ „Ich fülle die Schüssel mit Salat auf.“

Linking-Up

Linking-Up bedeutet, die Sprachhandlung eines Kindes für ein anderes Kind zu übersetzen. Auf diese Weise können die Kinder lernen, sich gegenseitig besser zu verstehen. Ganz nebenbei werden auch Sprechgelegenheiten geschaffen. Wichtig dabei ist sicherzugehen, dass die Aussage des Kindes richtig verstanden wurde und sie wertfrei wieder zu geben: „Medina hat gerade ‚Kartoffeln ‘ gesagt. Medina, möchtest du gerne Kartoffeln haben?“ (Medina nickt.) „Alex, schau mal, Medina möchte auch gerne die Kartoffeln haben.“

An Erfahrungen anknüpfen

Essen ist etwas ganz Persönliches.

Jeder Mensch hat seinen eigenen individuellen Geschmack, auch als Kind schon. An Erfahrungen anzuknüpfen, macht sowohl die Individualität als auch die Gemeinsamkeiten deutlich. „Wir essen zu Hause auch oft Nudeln, ihr auch?“ „Welchen Nachtisch esst ihr eigentlich am liebsten?“

Partizipation ermöglichen?

Partizipation zu ermöglichen bedeutet, ein Kind etwas tun zu lassen, dass es tun kann und will. Dies gilt insbesondere bei der Selbstbestimmung über ureigene Angelegenheiten wie beim Essen.

 

 

Checkliste für dich und dein Team
 
Mit Kindern essen und trinken

 

Vor dem Essen

Information: Gibt es einen für Kinder lesbaren Essensplan?
Berücksichtigung von Kinderwünschen: Haben die Kinder Wahlmöglichkeiten beim Essen? Fließen Wünsche der Kinder in den Menüplan ein?
Tisch decken: Decken die Kinder den Tisch? Werden Essen und Getränke so platziert, dass die Kinder selbstbestimmt an Schüsseln und Kannen herankommen? Steht den Kindern angemessenes Besteck zur Verfügung?
Platzwahl: Können die Kinder einen Platz wählen?

 

Beim gemeinsamen Essen

Sitzgelegenheiten: Sind die Kinder fixiert oder können sie sich bewegen (Lätzchen unter den Teller geklemmt, Befestigungen in den Stühlen, Platzierung der Stühle)?
Bewegungsfreiheit und Zugehörigkeit: Ist der Abstand zwischen den Kindern angemessen? Sitzt eine Fachkraft mit am Tisch? Können die Kinder alle Bestandteile des Essens sehen (und riechen), bevor der Teller gefüllt wird? Haben die Kinder die Wahl, was auf ihren Teller kommt? Können sich die Kinder selbst Essen nehmen?
Eröffnungsritual: Wie lange warten Kinder, bis das Essen beginnt?
Berücksichtigung individueller Bedürfnisse: Entscheiden alle Kinder, ob, was und wie viel sie nehmen/bekommen? Nehmen sich die Kinder selbst nach? Müssen sie aufessen? Müssen die Kinder kosten (Kostehappen)? Gibt es Bedingungen für den Nachtisch?
Angemessenheit der Unterstützung: Bekommen die Kinder Hilfe, wenn sie Unterstützung benötigen? Bekommen sie nur so viel Hilfe, wie sie auch benötigen? Essen die Kinder selbstbestimmt, wenn sie Besteck handhaben können? Wie wird
mit Kindern umgegangen, die „bekleckert“ sind?
Umgang mit Malheuren: Werden Zwischenfälle durch die Fachkraft verbal erklärend begleitet?
Hilft sie den Kindern, ihre Emotionen zu regulieren, diese zu erkennen und zu benennen?
Gestaltung der Situation: Essen Fachkräfte mit? Essen sie das Gleiche wie die Kinder?
Tischklima: Werden ungezwungene, anregende Tischgespräche geführt?

 

Nach dem Essen

Dürfen Kinder selbst entscheiden, wann sie vom Tisch aufstehen?
Werden die Kinder nie (!) zum Aufessen gezwungen?
Darf die Fachkraft dem Kind beim eigenständigen Säubern assistieren?
Achtet sie hierbei immer auf die verbalen und ­­nonverbalen Signale des Kindes?
Wartet die Fachkraft immer auf die Zustimmung des Kindes?
Dürfen Kinder, die früher mit dem Essen fertig sind, spielen oder etwas anderes tun?
Hierfür bietet sich eine Spielkiste oder -ecke im Essensraum an.
Sollte keine Fachkraft zur Verfügung stehen, um dem Kind beim Säubern zu assistieren, kann dem Kind eine kleine Waschstation mit einem warmen, nassen Lappen im Essensraum zur Verfügung gestellt werden. Ein Spiegel kann als Unterstützung dienen.
Können Kinder beim Aufräumen helfen?
Sie müssen es nicht!
Können Kinder helfen, die Tische abzuwischen?
Warten Fachkräfte und Kinder mit dem Aufräumen oder Hochstellen der Stühle bis alle Kinder fertig sind?

 

selbstCheck

Wie assistiere ich jungen Kindern?

So kann ich mich selbst überprüfen:

Geht der Assistenzbedarf vom Kind aus?
Gibt es ein Signal des Kindes?

Zum Beispiel: Sucht das Kind nach Augenkontakt, streckt Arme aus, hält mir Gegenstände entgegen, bittet verbal um Hilfe…

Signalisiere ich dem Kind meine eigene Wahrnehmung über seine Handlungsabsicht und damit verbundene Herausforderungen?

Zum Beispiel: „Du möchtest das abschneiden. Oder?“, „Das ist schwierig, nicht wahr?“

Biete ich dem Kind meine Assistenz verbal an?

Zum Beispiel: „Soll ich dir helfen? … den Reis auftun? … das Papier festhalten, wenn du schneidest?“

Warte ich die Zustimmung des Kindes ab?
Kann das Kind wirklich ablehnen?
Kann ich auf nonverbale Assistenz (z. B. den Löffel des Kindes führen) verzichten und ausschließlich durch verbale Assistenz weiterhelfen?

Zum Beispiel: „Wenn du den Teller mit einer Hand festhältst, bekommst du die Kartoffel vielleicht auf den Löffel.“

Assistiere ich dem Kind wirklich oder tue ich etwas, das das Kind selbst tun will?

Lasse ich das „Werkzeug“ des Kindes in dessen Hand oder nehme ich einen Gegenstand weg, um die Handlung selbst auszuführen?

Breche ich sogar eine vom Kind begonnene Handlung durch meine Assistenz ab?

Assistiere ich nur genau so viel, dass das Kind einen möglichst großen Teil seiner Handlungsabsicht selbst umsetzen kann?

Zum Beispiel, indem ich einen Gegenstand nur festhalte, damit er nicht verrutscht oder umkippt; dem Kind einen Gegenstand reiche; die Hand des Kindes in der Bewegung unterstütze…?

Begleite ich die Handlung des Kindes sowie meine eigenen Assistenzhandlungen sprachlich?

Zum Beispiel: „Du gießt dir ein und ich halte mal die Kanne so von unten.“

Würdige ich im Anschluss die Handlung des Kindes, ohne zu bewerten?

Zum Beispiel: „Siehst du, da hast du dir eingegossen, jetzt ist der Becher voll und du kannst trinken.“

 

 

Selbstcheck

Wie gestalte ich Inter­aktionen mit Kindern NICHT?

So kann ich mich selbst überprüfen:

Attribuiere ich Misserfolge des Kindes auf das Kind?

Zum Beispiel: „Siehst du, jetzt ist es heruntergefallen, weil du immer so herumzappelst.“

Dramatisiere oder sanktioniere ich Malheure bzw. Missgeschicke, unterstelle ich bösen Willen?
Beschäme ich das Kind?

Zum Beispiel: „Puh, hier stinkt’s aber. Ich glaube, der T. hat volle Windeln.“

Spreche ich sarkastisch oder ironisch
mit dem Kind?

Zum Beispiel: „Na das hast du ja wieder ganz toll hingekriegt.“

Spreche ich in Gegenwart des Kindes
in der dritten Person über das Kind zu einer anderen Person?

Zum Beispiel: „Der K. haut heute aber rein!“

Frage ich die Kinder zunächst nach Ideen oder Wünschen, handle dann aber doch anders, und zwar ohne Begründung?
Ignoriere ich von Kindern geäußerte Ideen, Emotionen, Bedürfnisse und Wünsche?
Bagatellisiere ich Bedürfnisse oder Emotionen?

Zum Beispiel: „Tut doch gar nicht weh“, „Das ist doch nicht eklig!“

Bin ich parteiisch, bevorzuge oder benachteilige ich einzelne Kinder?
Reagiere ich nicht immer bei Ausgrenzung und Diskriminierung unter Kindern?
Reagiere ich auf die Kontaktaufnahme eines Kindes unangemessen?

Zum Beispiel: genervt, gelangweilt, übergehe das Kind…?

Stelle ich Dinge ohne Begründung außer Reichweite der Kinder, obwohl diese den Gegenstand haben möchten?
Unterbreche ich abrupt eine vom Kind initiierte Handlung? Ohne Gefahr im Verzug.
Verbiete ich eine vom Kind initiierte Handlung? Ohne Gefahr im Verzug.
Dulde ich keinen Widerspruch oder setze ich meinen eigenen Willen ohne Begründung gegen den Willen des Kindes durch?
Rufe, schreie oder brülle ich?
Habe ich unangemessenen Körperkontakt oder werde sogar übergriffig?

Zum Beispiel indem ich: • das Kind ohne Zustimmung hochnehme und / oder wegtrage? • ohne Ankündigung in die Windel bzw. Hosen schaue? • ohne Ankündigung die Nase putze oder das Gesicht abwische?

Schränke ich das Kind ohne Gefahr im Verzug in seiner Bewegungsfreiheit ein?

Zum Beispiel indem ich: • das Kind am Arm (…) festhalte? • das Kind am Aufstehen hindere? • das Lätzchen unter dem Teller fixiere? • einen Stuhl so
an den Tisch schiebe, dass das Kind nicht allein aufstehen kann?

 

 

Aufruf: KEINE GEWALT

Die Verdachtsfälle von Gewalt gegen Kinder in Kitas nehmen zu – Nun hat sich ein breites Bündnis aus Verbänden und Organisationen wie Gewerkschaften, Eltern­vertretung, Kinderschutz und Wissenschaft für einen wirksamen Schutz von Kindern in Betreuungseinrichtungen
ausgesprochen.

Weiter lesen

Vertraust du mir?

 

wamiki-Hitliste

Sind so kleine Hände? Tango im Treibsand?
Buenas Tardes Amigo? Was singen die wamikis beim Herstellen dieser Ausgabe?

Hört selbst. Hier ist die wamiki-Hitliste zum Thema: Vertraust du mir?

 

Geld und Liebe

Esther Geisslinger hat drei Erzieherinnen
über ihren Traumberuf und die Chancen,
gemeinsam etwas zu verbessern, befragt.

 

ERiK

Ende Dezember erschien der ERiK-Forschungsbericht II mit Befunden des Monitorings zum KiTa-Qualitäts- und Teilhabeverbesserungs­gesetz (KiQuTG), auch bekannt geworden als sogenanntes Gute-Kita-Gesetz. Umfassend ausgewertet wurden die Daten zur „Entwicklung von Rahmenbedingungen in der Kindertages­betreuung“.

Die Ergebnisse überraschen nicht, wurden doch viele Entwicklungen, insbesondere zu Lasten von Kindern, Fachkräften und Familien von Expert*innen aus Wissenschaft und Praxis bereits vor Inkrafttreten des Gesetzes im Januar 2019 vehement „vorausgesagt“ und ­weitgehend ignoriert.

Grenzen in der Essenssituation wahrnehmen

Füttert euch in der Teamsitzung zum Thema Essen gegenseitig, missachtet die Signale der bzw. des anderen und
versucht danach, die Signale aufmerksam wahrzunehmen.

Spielvariante:
Wiederholt das „Spiel“
mit besonders ekligem Essen.

 

 

 

In Schon-Immersogewesen

Hier gibt’s Traditionspflege pur! Von „Kostehäppchen“ (2005 n. Chr.) über „Schlafwache“ (2010 n. Chr.) bis hin zu den „Händen von hinten“ (2015 n. Chr.) – hier warten Funde aus grauer Vorzeit, liebevoll konserviert. Uralte pädagogische Traditionen, die über Jahrhunderte von Generation zu Generation weitergegeben und immer wieder aufgefrischt werden: Vor allem mit Begründungen, warum das, was einmal als richtig galt, trotz neuer Erkenntnisse nicht einfach über den Haufen geworfen werden kann.

Pädagogien: Von Kennwa-Schon und Selten-Hinterfragt nach Neu-Denken

 

Steigt die Gewalt in Kitas?

Auch in Kitas macht sich der Personal­mangel zunehmend bemerkbar. Immer weniger Erzieher*innen müssen sich um immer mehr Kinder kümmern. Manche geraten dabei offenbar an ihre Belastungsgrenzen und verlieren die Geduld. Berichte über Mitarbeiter*innen, die Kinder zum Essen zwingen, erniedrigen oder grob behandeln, erschrecken Eltern. Gibt es einen Anstieg an Gewalt in Kitas? Und entwickelt sich der Personalmangel so zu einer Gefahr für die Kleinsten in unserer Gesellschaft?

 

Jörg Maywald spricht über Gewalt durch Fachkräfte, mögliche Ursachen und Präventionsmaßnahmen.

»Gewaltfreie Erziehung ist ein unerreichbares Ideal«

Grenzüberschreitungen in Kitas beunruhigen viele Eltern. Kinderschutz­experte Jörg Maywald erklärt, warum für Erzieherinnen besondere Ansprüche gelten und Personalmangel keine Entschuldigung sein darf.

www.spiegel.de

 

Foto: Suze / Photocase

Gedicht: Richard Dehmel

Wahrspruch

Ob wir verdienen, daß wir glücklich sind?

Was zweifelst du! Verdienst du gut zu sein?

Durch Zweifel wird das wahrste Wesen Schein.

Glück ist des Menschen Tugend, Kind;

wer glücklich ist, verdient ’s zu sein.

 

 

Foto: Jutta Schnecke/photocase

Wohlvertrautes Misstrauen

An der Supermarktkasse sagt eine ältere Dame zu einer Mit-Seniorin: „Man kann heute niemandem mehr trauen.“ Weil sie diese Ansicht einer ihr völlig unbekannten Person anvertraut, erleben wir Umstehenden ein zeitgemäßes Paradox zum Thema „Vertrauen“: Überall sehen Leute das Vertrauen in andere Menschen schwinden. Aber am liebsten erzählen sie das möglichst unvertrauten Mitmenschen wie der Frau am Kassenband oder der Telegram-Gruppe.

Wir haben eine Vertrauenskrise, liest man immer wieder. Bürger*innen vertrauen laut mancher Umfragen weniger auf staatliche und gesellschaftliche Institutionen. Sie misstrauen der Politik, Lösungen für ihre Probleme anzugehen. Medien, die ja eigentlich da für da sind, dem Misstrauen an Politik nachzugehen, leiden unter Vertrauensverlust: „Die schreiben doch nur, was sie sollen…“

Zurückzugehen scheint auch das Vertrauen in Lehrer*innen und Erzieher*innen. Werden wir zu einer ängstlichen Gesellschaft, in der jeder jedem misstraut?

Was ist Vertrauen? Egal, ob Gottvertrauen oder Vertrauen in die Mitmenschen: Eigentlich geht es um ein Gefühl, das hinter dem Satz „Alles wird gut!“ steckt. Der Soziologe Niklas Luhmann beschrieb es als „Mechanismus zu Reduktion sozialer Komplexität“: Weil man sich schlecht vor allen Eventualitäten fürchten kann, vertraut man, denn: „Ohne jegliches Vertrauen aber könnte [der Mensch] morgens sein Bett nicht verlassen.“ Vertrauen ist also die Basis, um zu handeln, statt zu grübeln, sich zu fürchten oder gegen alles zu opponieren.

Für den Verlust von Vertrauen sind vor allem Erfahrungen von Gewalt und Ohnmacht verantwortlich. Wer plötzlich schlimme Dinge erlebt, erfährt, dass sein bisheriges Vertrauen in „Alles wird gut!“ unberechtigt war. Wer sein Vertrauen verloren hat, misstraut nun auch dem, dem er bislang „blind“ vertraute. Bei der Corona-Pandemie konnte man den Effekt oft erleben: Menschen mit Brüchen und Verletzungen im Lebenslauf schienen wesentlich anfälliger dafür zu sein, plötzlich Hardcore-Querdenker zu werden. Auch hier weiß die Soziologie: Erst in Ausnahmesituationen erfährt man, wie viel Vertrauen ein Mensch jeweils empfinden kann.

„Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser!“ Dieser Satz, der dem Thema „Misstrauen in historische Zitate“ entsprechend wohl zu Unrecht Lenin zugeschrieben wird, passt gut zu unserem heutigen Verständnis von Vertrauen auf individueller Ebene. Vergleicht man Lebensführung und Kindererziehung heute und früher, fällt auf, dass ein Kontrollbedürfnis an die Stelle von grundsätzlichem Vertrauen getreten ist. Vertraute man früher auf persönliche Empfehlungen und Gefühle („Jacobs Kaffee vertraue ich einfach!“), checkt man heute in Vergleichsportalen oder Google-Bewertungen, welcher Kaffee oder welches Café am besten ist. Gab es früher im Auto-Cockpit Tacho und Benzinuhr, blinkt heute wie im Flugzeug eine Vielzahl von Check-Lichtern auf. Auch über sich selbst kann man heute täglich Daten ermitteln – Blutdruck, Herzfrequenz etc., die früher nur beim jährlichen Arztbesuch erhoben wurden.

Vor allem in Bezug auf Kinder zeigt sich das geänderte Verhältnis zum Vertrauen. „Ich vertraue darauf, dass ihr zum Abendessen wieder zu Hause seid und euch nicht irgendwo rumtreibt“ ist wohl ein Satz von gestern. Kinder von heute erleben mehr Kontrolle, Begleitung und bewusste Auswahl als Vertrauen, wenn Handy oder gar Smartwatch den Eltern ständige Kontaktaufnahme ermöglichen und jede Bildungseinrichtung erst nach gründlicher Kontrolle ausgewählt wird: „Wir haben uns jetzt für die Klasse von Frau Naumann auf der 2. Grundschule entschieden…“ Der Luzerner Philosoph Martin Hartmann sagt dazu: „Es ist, als würden wir uns einreden, dass wir niemandem mehr vertrauen können, damit wir niemandem mehr vertrauen müssen.“

Der Wert des Vertrauens sinkt – und damit steigt die Bedeutung der Transparenz oder wahlweise der Kontrollierbarkeit. Pädagogische Einrichtungen antworten darauf, dokumentieren alles und machen es evaluierbar. An die Stelle des Vertrauensvorschusses tritt quasi der Rechenschaftsbericht. Das verhindert böse Überraschungen, aber vielleicht auch positive. Teams von Einrichtungen, die besonders aufmerksame Eltern haben, kennen das: Es gibt wenig Spielraum, um ungewohnte Raumkonzepte, Ausflüge oder Projektthemen auszuprobieren. Hier geht es den Kindergärten wie den Kindern, die statt der Abenteuer beim unkontrollierbaren Herumtreiben am Nachmittag nun den wohldokumentierten Gitarrenkurs erleben. Vertrauen lässt Raum, Kon­trolle engt ein – das war schon bei Lenin das Problem.

Was ist die Quintessenz? Vertraut dem Vertrauen! Und wenn jemand klagt: „Man kann heute niemandem mehr vertrauen“, dann sagt: „Versuch es, du schaffst es.“

Foto:

Bilderrätsel

 

 

Welchen Begriff aus der Pädagogik haben wir im übertragenen Sinn collagiert? Die Buchstaben in den hellen Kästchen ergeben den Lösungsbegriff. Unter Ausschluss des Rechtsweges verlosen wir 10 x das Buch: „Begriffe versenken“.

PS: In Heft 4/2022 suchten wir den Begriff: Am Kind arbeiten.
Die Redaktion gratuliert allen Gewinnerinnen und Gewinnern.

Bild: Marie Parakenings

 

Pädagogik aufräumen:

Pädagogik lebt von Ritualen, heißt es. Erzieher, Lehrer und *innen machen alles Mögliche, weil es nun mal derzeit üblich oder sogar vorgeschrieben ist. Egal, ob es Sinn hat oder nicht. Sinnvoll ist es aber auf jeden Fall, ab und zu auszumisten. Deswegen stellt diese Rubrik pädagogische Gewohnheiten aufs Tapet und fragt ganz ergebnisoffen: Ist das pädagogische Kunst, oder kann das weg? Weiter lesen