Kinderbuch der Woche: Ferienglück am Meer

Bücher für Kinder von null bis zu zwölf Jahren und für ihre Erwachsenen – von Gabriela Wenke empfohlen. Jeden Donnerstag bis zur Frankfurter Buchmesse.

 

Es ist ein bezauberndes Bilderbuch. Bezaubernd – ein altmodisches Adjektiv für eine altmodische Geschichte? Ja, nein, vielleicht.
Wir begegnen Frau Alwina, rund und mit Sonnenhut, schon „im Skizzenbuch des Malers“ auf den vier (!) Seiten Vorsatzblatt, also auf den Seiten, bevor die Geschichte losgeht. Mit den Augen des Malers und in seinen Skizzen sehen wir, wie sie entsteht: ein Strand, die Gezeitenküste, die Promenade – am ehesten französisch – und eine dicke Frau, die traurig vor dem Hotel sitzt, weil ihre Buchung verschlampt wurde.
Aber Alwina gibt nicht auf und landet in einer Pension mit Bad auf dem Flur, in dem schon ein munteres kleines Mädchen in der Wanne sitzt und sich vehement beklagt, bei der Tante hier einfach abgeladen worden zu sein. Bevor Alwina erklären kann, dass sie auch eine von deren „doofen Gästen“ ist, hat Nelli schon gemerkt: Alwina ist nicht doof.
Nun erleben die beiden einen wunderbaren Sommer am Meer. Alwina findet, sie ist „gut im Wasser – das liegt am Fett“. Und sie hat keine Kinder, weil die meisten Männer keine dicken Frauen mögen, sagt sie. Den beiden gehen die Ideen nicht aus, und Nelli lernt sogar, sich erholsam zu langweilen.
Doch Alwinas Ferien gehen zu Ende, und Nelli bleibt heulend am Bahnhof zurück. Sie hat nur noch Alwinas Hut, der eigentlich ein bisschen zu groß ist, aber den sie auch dann noch trägt, als sie wieder zur Schule geht. Außerdem kommen Briefe, und man glaubt, dass diese ungewöhnliche Freundschaft noch lange nicht zu Ende ist.
Aus den zahlreichen Bilderbüchern von Heribert Schulmeyer, die ich in Händen hielt, ragt dieses heraus. Eine unglaubliche Leichtigkeit des Seins erfüllt Alwinas und Nellis Sommer, der für immer in Erinnerung bleibt: Das Licht, die Farben, die Bewegung und die rundum glückliche Begegnung eines kleinen Mädchens mit einer Frau, kurz: eine zauberhafte Geschichte.
Auch auf den vier (!) Nachsatzblättern folgen wir den leichthändigen Skizzen des Malers und sehen mit seinen Augen das Potenzial, das in der Begegnung steckt, die sich zur richtigen Zeit am richtigen Ort ereignete.
Bei diesem Buch geht einem das Herz auf. Unbedingt vorlesen!

 

Kinderbuch der Woche: Bilder für Europa

Bücher für Kinder von null bis zu zwölf Jahren und für ihre Erwachsenen – von Gabriela Wenke empfohlen. Jeden Donnerstag bis zur Frankfurter Buchmesse.

2017 rief Markus Weber vom Moritz Verlag Illustratorinnen und Illustratoren auf, ihm Zeichnungen für Europa zu schicken. Wie sie ihre Idee umsetzen, war ihnen freigestellt. Während der Frankfurter Buchmesse 2017 wurden die Bilder in einer Ausstellung präsentiert und später versteigert. Der Erlös ging an die unabhängige Bewegung „Pulse of Europe“.

Europäische Kinderbücher sind schon seit vielen Jahrzehnten Teil des weltweiten Buchmarktes. Oft ist den Vorleserinnen und Vorlesern gar nicht bewusst, aus welchen europäischen Ländern die Illustratoren stammen. Der Brexit könnte nun wie der Ausschluss aus der europäischen Bilderbuchfamilie wirken, befürchtet Axel Scheffler, der seit 36 Jahren in Großbritannien lebt und mit der britischen Autorin Julia Donaldson seinen europa- und weltweit berühmten Grüffelo in die Bilderbuchwelt brachte.

Auf den Buchmessen in Frankfurt, Leipzig und Bologna ist die europäische Idee gerade in den Bildern der Illustratorinnen und Illustratoren vertreten, die man meist ohne Texte versteht. Schon seit vielen Jahrzehnten gleicht der Blick in einen Kinderbuchladen von Spanien bis Norwegen, von Estland bis Groß-Britannien einem Treffen alter Bekannter, die man in der jeweiligen Muttersprache längst kennt. Mit ihren Bildern und kurzen Texten werben Quentin Blake, Polly Dunbar und Chris Riddel, britische Künstler, die zu den Illustratoren der Ausstellung 2017 hinzukamen, weiterhin für ein Vereintes Europa – mit Groß-Britannien.

Axel Scheffler schreibt in seinem Vorwort, dass er immer noch auf das Einsehen der Politik hofft. Und ich hoffe mit vielen anderen, dass dieses Jahr 2019 nicht das Ende einer wunderbaren Chance auf ein vereintes Europa mit sich bringt.

Schauen Sie mit Kindern und Erwachsenen die Texte und Bilder an. Sprechen Sie miteinander über die europäische Idee. Staunen Sie über die Vielfalt und Qualität europäischer Illustratorinnen und Illustratoren. Das wünscht sich

Ihre Gabriela Wenke

 

 

 

Kinderbuch der Woche: Ein starkes Mädchen

Bücher für Kinder von null bis zu zwölf Jahren und für ihre Erwachsenen – von Gabriela Wenke empfohlen. Jeden Donnerstag bis zur Frankfurter Buchmesse.

Billie schaut auf die Welt wie Pippi Langstrumpf. So ähnlich formulierte es eine Rezensentin im Internet. Das irritierte mich, denn Billie ist zwar stark, könnte aber nie ein Pferd mit einer Hand hochheben. Doch ihre emotionalen und seelischen Kräfte sind erstaunlich. Sie schöpft sie aus dem Leben mit ihrer Mutter, die anscheinend wenig geeignet zu sein scheint, einem Kind ein schönes Heim und eine angemessene Erziehung zu geben. Aber sie ist selbstbewusst und lebt mit Billie in einem Kokon aus Zuneigung und Offenheit. Weil sich ihr körperlicher und seelischer Zustand immer stärker verschlechtern, wird Billie vom Jugendamt zu einer Pflegefamilie hoch in den Norden Schwedens geschickt, in einen Ort namens Bokarp.

„Billie alle zusammen“ heißt der dritte Band über ein Ausnahmekind, das ganz ohne „fantastische“ Eigenschaften ein Leben meistert, an dem andere Kinder zerbrochen wäre. Wie ein Naturereignis bricht sie in die Borkarper Familie ein, stellt die richtigen Fragen, kann Wichtiges von Unwichtigem trennen und unbeirrbar beobachten.

Billie ist nicht naiv. Obwohl sie sich an Gemeinsamkeiten, Nähe und Intimität erinnert, sieht sie bei einem Besuch in Stockholm: Die Mutter ist inzwischen so krank, dass Billie nicht mehr bei ihr leben kann. Und: Billie meint, was sie sagt, sagt, was sie sieht, und besteht nicht darauf, immer Recht zu haben. Ihr realistischer, freundlicher Blick auf die Pflegefamilie öffnet den Eltern und den beiden Kindern die Augen: Nach dem Tod eines kleinen Bruders verfiel die Familie in eine Starre, der sie mit der Aufrechterhaltung von Regeln und familiären Ritualen zu begegnen versucht, was niemandem hilft: Die Tochter präsentiert sich im Internet als eine Art Model und gibt anderen Mädchen Schminktipps; der Sohn zieht sich mit seinen Tonarbeiten ins Gartenhaus zurück; der Vater hält sich an Handball und gesunde Ernährung; die Mutter versucht, sich als Pfarrerin mit Ordnungsregeln gegen die Ungerechtigkeit der Welt zu wehren, die ihr das jüngstes Kind nahm.

Im ersten Band der kleinen Reihe entdecken wir mit dem Großstadtmädchen Billie die Szenerien und Inszenierungen dieser im Schock erstarrten Familie. Billie, die mit ihrer Mutter seit Jahren auf Augenhöhe lebt, durchschaut die Rituale der in ihrem Unglück steckengebliebenen Menschen. Ohne Bosheit weigert sie sich, unsinnige Regeln einzuhalten. Den Kopf voller Rasta-Locken und in Secondhand-Klamotten, sieht sie aus wie ein Gegenentwurf zu den Borkapern, die sich jedoch von Buch zu Buch – der zweite Band heißt „Billie – wer sonst?“ – immer mehr aus ihren verkrusteten Strukturen zu lösen beginnen.

Zwar überlebt die Ehe von Petra und Mange diese Lösung nicht, aber sie führt zur Verbesserung der Beziehungen. Das stellt Billie vor ein neues Problem: Obwohl sie nun in der Familie und in der Schule angekommen ist, will das Jugendamt sie – der Trennung der Eheleute wegen – herausholen. Es braucht einen Großeinsatz von Erwachsenen und Mitschülern, damit Billie bleiben kann, wo sie endlich angekommen ist.

Billie ist eine starke Mädchenfigur, deren Geschichte sich den üblichen Zuordnungen entzieht. Sie ist den Menschen zugewandt, sie reagiert auf Unbekanntes mit Neugier und Offenheit. Ihre Frage ist nicht „Was tut ihr mir an?“, sondern „Wie kann ich euch verstehen – und euch vielleicht sogar helfen?“

Um auf den anfänglichen Vergleich mit Pippi Langstrumpf zurückzukommen: Billie hat den Mut, eigene Antworten zu finden, damit es allen ein bisschen besser geht.

Unbedingt lesen und weitergeben. Das empfiehlt

Gabriela Wenke

 

 

 

 

 

Das neue Kita-Gesetz

Am 14. 12. 2018 stimmten Bundestag und Bundesrat dem „Gesetz zur Weiterentwicklung der Qualität in der Kindertagesbetreuung“, dem sogenannten „Gute-Kita-Gesetz“ zu.  Ausschnitte aus der Diskussion im Deutschen Bundestag haben wir in der aktuellen #wamiki 1/2019 veröffentlicht: HIER

Wen die gesamte Debatte interessiert, für den haben wir sie als PDF  Plenardebatte BT 14.12.2018 bereitgestellt. Sehr aufschlussreich, wie wir finden.

Lest dazu auch das Interview mit Nils Espenhorst in der aktuellen #wamiki, das Erika Berthold und Lena Grüber mit dem Referenten für Kindertageseinrichtungen / Tagespflege beim Paritätischen Gesamtverband geführt haben.

Was erwartet Ihr Euch vom sogenannten #GuteKitaGesetz?

Denkt Ihr, dass von den Geldern in Eurer Kita etwas ankommt?

Schreibt uns an redaktion@wamiki.de. Wir sind gespannt!

Kinderbuch der Woche: Vermeintlich fremd

Bücher für Kinder von null bis zu zwölf Jahren und für ihre Erwachsenen – von Gabriela Wenke empfohlen. Jeden Donnerstag bis zur Frankfurter Buchmesse.

Bilderbuch

Durch flächige Illustration in starken Farben und kräftigem Strich zieht das Buch die Blicke auf sich. Dunkles Rot und sandiges Gelb, von einer Diagonale getrennt, teilen sich den Titel. Schwarz wirft ein unheimliches Wesen seinen Schatten: „Zorilla“ zieht sich in glänzenden Buchstaben über den Titel. Wir begegnen ihm wieder auf einer in grelles Grün getauchten Straße, wo ihm die Bewohner – Affen, Hunde und andere Tiere – ängstlich hinterherschauen. Im Hafenviertel beäugen die Tiere neugierig bis misstrauisch die kräftige, dunkle Gestalt im schwarzen Mantel, die ihnen unheimlich ist und über die viel geredet wird.

Zorilla redet mit niemandem. Im Schutze der Dunkelheit kauft er sonderbare Dinge ein, aus seinem Haus kommen unheimliche Geräusche. Als ein paar Mutige sich heranschleichen wollen, werden sie von hellen Blitzen und glühender Hitze vertrieben. Alle haben Angst, stellen aber am nächsten Morgen fest, dass Zorilla verschwunden ist.

„Was ist geschehen?“ fragen sie sich, als sie in Zorillas Haus eine riesige Wanne, einen Schmelzofen und andere seltsame Dinge finden. „Hätten sie nur einmal den Zorilla gefragt“, heißt es in der Mitte des Buches, in der nur der Schatten Zorillas über die Seiten ragt.

Dann erzählt Jutta Bücker, „was auch geschah“: Ein schwarzer Marder tanzt allein und voller Fernweh in seinem Zimmer, baut sich schließlich aus all dem geschmolzenen Glas eine riesige Flasche, so groß, dass er sich hineinsetzen und dahin schwimmen kann, wo es offensichtlich einen anderen oder eine andere seiner Art gibt.

Die wunderschönen, emotionalen Bilder zeigen im ersten Teil die Angst, das Schattendunkel des Zorilla und die furchterregenden Fratzen der anderen Figuren, die ihn zu verfolgen scheinen. Im zweiten Teil sind die Bilder voller Heiterkeit und Leichtigkeit, voller Sehnsucht nach Sonne, Wärme und voller Freude, als Zorilla sich schließlich wie eine Flaschenpost ins Meer, in die Welt wirft. Das sollte man sich mit Kindern unbedingt zu Gemüte führen und vor Augen halten, findet Gabriela Wenke

 

 

 

Kinderbuch der Woche: Die Nacht belauschen

Bücher für Kinder von null bis zu zwölf Jahren und für ihre Erwachsenen – von Gabriela Wenke empfohlen. Jeden Donnerstag bis zur Frankfurter Buchmesse.

Die Nacht belauschen
Bilder und Verse über Tiere der Nacht

Wenn es draußen dunkel wird, gehen Tiere und Menschen schlafen. Aber nicht alle. Viele Erwachsene bleiben noch lange auf. Viele Tiere wachen jetzt erst auf .
Die glücklichen Katzen schleichen sich hinaus in die Nacht. Weniger glückliche müssen zu Hause bleiben, um nicht unter die Räder zu kommen. Die Nachtigall singt ihr Lied „sanfter als ein Wasserfall“ und „weicher als ein Federball“. Glühwürmchen sind in Sommernächten unterwegs und „steigen, sinken ohne Halt“. Auch die schmatzenden Geräusche von Igeln, das Quaken der Frösche und das Geraschel der Siebenschläfer verzaubern die Nacht.
Jedem der nachtaktiven Tiere ist eine Doppelseite gewidmet. Auf schwarzem Papier lässt Mareike Engelke Pflanzen und Tiere in kräftigen Farben leuchten. Rhythmus und Länge der Verse ändern sich von Tier zu Tier. Die Sprache ist ebenso kunstvoll wie eingängig. Rasch sprechen die Kinder die Verse mit und ordnen sie – auch wenn sie noch gar nicht lesen können – den Bildern von Marder, Fuchs und Hase zu. Sie erkennen das Bild der Eule und sprechen bald mit: „Mäuse, hütet euch! Denn jetzt ist Futterzeit.“
Die stimmungsvollen Bilder und die gelungen Texte machen das Bilderbuch „In der Nacht, wenn der Hamster erwacht“ zu einem ästhetischen Vergnügen für Kinder ab drei Jahren und ihre Erwachsenen. Ganz nebenbei lernen alle, dass es Nachtschwärmer wie den Mondvogel gibt, dass Siebenschläfer von Oktober bis Mai schlafen und Füchse im letzten Licht den Bau verlassen, um auf die Jagd zu gehen. Ein rundum gelungenes Buch, findet Gabriela Wenke.

 

Kinderbuch der Woche: Das schlaflose Buch

Bücher für Kinder von null bis zu zwölf Jahren und für ihre Erwachsenen – von Gabriela Wenke empfohlen. Jeden Donnerstag bis zur Frankfurter Buchmesse.

Zum Philosophieren und Denkeln über die Welt und das Leben

Da liegt ein Mädchen – es könnte auch ein Junge mit längeren Haaren sein – im Bett und kann nicht einschlafen. Sie trinkt ein Glas Wasser und staunt, dass der Mensch und die Erde zu großen Teilen aus Wasser besteht. Und darüber, dass das Meer fast noch völlig unerforscht ist. Vom Meer kommt sie zu Walen, ihrer Größe und wie sie schlafen und in weiteren Assoziationen über die Größe von Zunge und Herz zum VW-Käfer und zu Käfern im Allgemeinen. Dieses vor sich hin Denkeln führt zu Bildern, auf denen die Betrachter das fast eingeschlafene Kind im Bett auf dem Meer treibend sehen oder einfach eine Seite voller Käfer. Das lesende Kind oder der vorlesende Erwachsene können der Spur der Assoziationen über Reichtum und Glück oder über das Alter und die Liebe folgen. Oder wie mag es wohl in den 40 Wochen im Bauch der Mutter gewesen sein?
Das Buch von Moni Port ist eines zum miteinander Reden und Denkeln und Philosophieren in dieser kurzen Phase vor dem Einschlafen, die Schlaflosen so lang erscheint und die doch so schnell vorbei sein kann. Illustriert ist es mit Fotos und Zeichnungen, Skulpturen und Gegenständen, die dem Kind am Tag oder auch viel früher begegnet sind und die jetzt wieder in Erinnerung gerufen werden.
Kinder und Erwachsene können die Gedanken schweifen lassen, sich vielleicht die eine oder andere eigene Assoziation erzählen, selbst ins Träumen kommen.
Ein Buch, um gemeinsam eine Weile über Gott und die Welt zu philosophieren – bis das Licht ausgeht und der Schlaf kommt.

Kinderbuch der Woche: Neues aus der Murkelei

Bücher für Kinder von null bis zu zwölf Jahren und für ihre Erwachsenen – von Gabriela Wenke empfohlen. Jeden Donnerstag bis zur Frankfurter Buchmesse.

Ein Gerücht macht die Runde: Gesine Wolkensteins schwarzer Laden soll Kinder verschlucken. Ausgerechnet diese Dame meldet sich auf Mamas Suchzettel nach einer „Nachtfrau“. Das ist ein Babysitter für die ganze Nacht, sind sich Merle (11) und Moritz (8) einig. Doch was ist peinlicher als ein Babysitter für so selbständige Kinder wie sie? So etwas brauchen sie nicht! Aber weil Mama in Zukunft nachts arbeiten muss, ist sie unerbittlich: Sie lässt die Kinder nicht allein.
Seit Papa nicht mehr da ist, haben Merle und Moritz nur ihr Weltempfänger-Radio, um mit ihm in Verbindung zu bleiben. Und ihre Erinnerungen an die vielen Geschichten, die er ihnen erzählt hat. Besonders an die aus der Murkelei. Dieses Land hatte der Schriftsteller Hans Fallada einmal für seine eigenen Kinder erfunden.
Gesine Wolkenstein mit ihrer sich ständig verändernden Augenfarbe und ihrem unheimlichen Wissen über Merles Denken und Fühlen weckt Misstrauen und Abwehr in der Ich-Erzählerin Merle. Daran ändert auch Gesines verführerische Schokolade nichts.
Mitten in der Nacht wachen Merle und Moritz auf. Licht fällt durch die Türschlitze. Plötzlich ist die Tür schwarz und voller aufwändiger Schnitzereien. Die Kinder wollen sie öffnen, und ihre letzten Hemmungen fallen, als sie das Schild auf der Tür lesen: Murkelei.
Das ist doch das Land, aus dem die Geschichten stammen, die ihnen Papa erzählt hatte! Obwohl Moritz sich fürchtet, öffnet Merle die Tür. Dahinter erleben die Kinder unglaubliche Abenteuer und entkommen den Spitzzahntrollen, die sie verführen wollen, ganz viel Schokolade zu essen, nur mit Mühe. Schnell merkt Merle, dass ihr Schokolade futternder Bruder beginnt, sich in einen Spitzzahntroll zu verwandeln. Mit knapper Not gelingt den Geschwistern die Flucht aus der Murkelei, einem Land, in dem Frau Wolle offenbar das Sagen hat.
Doch weil sie ihren Weltempfänger vergessen haben, müssen sich Merle und Moritz in der nächsten Nacht noch einmal in die Murkelei wagen, um ihn wiederzufinden. Schließlich landen sie im dunklen, verlassenen Laden der geheimnisvollen Frau Wolkenstein, die sie bereits erwartet und alles über die Murkelei zu wissen scheint. Das hat sie uns Lesern voraus. Deshalb ist es gut, dass das Buch mit „Fortsetzung folgt“ endet.
Mit Reimen und Gedichten, Zauberregeln und Rätseln führt Jutta Richter durch die nächtlichen Labyrinthe der Murkelei. Ihre Sprache entfaltet eine Magie, die auf bezaubernde Weise altmodisch wirkt – verglichen mit heutigen Fantasy-Abenteuern.
Ich empfehle „Frau Wolle und den Duft von Schokolade“ allen Kindern, die das Märchenhafte lieben, und alle Vorleserinnen oder Vorlesern, die eine begnadete Erzählerin zu schätzen wissen.

Kinderbuch der Woche: Ausreißen und heimkommen

Es ist ein großes Glück, wenn man einen guten Freund wie Berkan hat, der in der Nähe wohnt und in der Schule neben einem sitzt. Es ist ein großes Unglück, wenn man wegziehen soll, weil das Haus angeblich zu klein geworden ist. Als würden Häuser schrumpfen! Das sieht Hendrik nicht ein. Er zieht nicht um. Basta!
Weil keiner ihn versteht, packt er den Koffer und haut ab. Er will zu Berkan. Aber der hat Stress mit seinem Vater, weil er das große Bett künftig nicht mit seiner offenbar dementen Uroma teilen will. Also packt er ein paar Sachen in Hendriks Koffer, und beide ziehen mit dem sperrigen Gepäckstück los.
Doch Abhauen erweist sich als schwierig. Die Jungen kennen sich nicht aus und wissen nicht, wohin. Sie bekommen Hunger und Durst. Und sie haben kein Geld. Aber schlau sind sie schon. Sie sehen Kinder mit Instrumenten zum „Aperitif Konzert“ strömen und stellen sich vor, dass es dort Aperitif-Häppchen geben wird. Doch vor dem Essen kommt das Konzert. Berkan ist von der Musik völlig fasziniert, während Hendrik ungeduldig und nervös wird. Tatsächlich gibt es hinterher Brötchen. Weil die Jungen jetzt schon geübte Ausreißer sind, sorgen sie vor und stecken sich ein paar Brötchen in die Tasche.
Schließlich landen sie in einer Gegend, die ihnen fremd ist. Da sehen sie ein singendes Mädchen auf einer Kirchentreppe. Berkan kennt das Lied und spricht das Mädchen auf Türkisch an. Es stellt sich heraus, dass Pia aus einer kurdischen Familie stammt, die wegen des Krieges aus dem Irak floh und in die Türkei gelangte. Dort wollte man keine Kurden. Und in Belgien, wo die Geschichte spielt, darf die Familie auch nicht bleiben. Mit anderen Flüchtlingen lebt sie nun in der Kirche. Berkan muss alles übersetzen, was Pia erzählt. Auch dass ihr Vater und andere Männer in der Kirche nichts mehr essen. Sie wollen hungern, bis sie Papiere bekommen und bleiben dürfen.
Die Jungen verstehen das mit den Papieren nicht recht. Pia sagt, sie brauchen Papiere und eine Wohnung, sonst müssen sie zurück – dahin, wo sie auch niemand will. Da fällt Hendrik ein, dass er ein Haus zu viel hat: das neue, größere Haus, in das seine Familie ziehen will. Er aber nicht. Also bietet er es Pia an.
Zu dritt machen die Kinder sich auf den Weg, können das Haus aber nicht finden. Unterwegs erleben sie Abenteuer: von der Rettung eines kleinen Hundes bis zur freundlichen Hilfe eines Taxifahrers. Schließlich finden sie das Haus doch. Aber es ist nicht leer. Hendriks Vater hat mit dem Umzug schon angefangen. Die drei heimlichen Beobachter sehen, wie er telefoniert und davonstürmt, weil inzwischen eine Fahndung nach den Kindern läuft.
Mit Hilfe der Polizei kommen Eltern und Kinder wieder zusammen. Hendrik wird der Umzug durch das Versprechen erleichtert, dass er in seiner alten Schule und bei Berkan bleiben darf. Ob Pias Familie geholfen wird, bleibt offen. Auch Berkans Problem bleibt ungelöst. Pia tröstet es, dass sie das Hündchen behalten darf. Berkan ist froh, dass ihn die Mutter vor dem Zorn des Vaters bewahrt. Alle drei scheinen ein wenig Zuversicht gewonnen zu haben.
Die berührende Geschichte bleibt ganz auf der Ebene der Kinder. Sieben- oder Achtjährige können sie selbst lesen; sie eignet sich aber auch zum Vorlesen in Gruppen und Klassen. Marian de Smet trifft einen Ton, der Kindern Mut macht, und bewahrt eine hoffnungsvolle Leichtigkeit des Seins. Ich empfehle das Buch allen Bibliotheken, in die Kinder kommen, besonders auch die in den Schulen, und allen Erwachsenen zum Verschenken. Mein Tipp: Unbedingt selbst lesen, bevor man es weitergibt.

Kinderbuch der Woche: Gastfreundschaft

„Ein Sturm zieht auf, ein Sturm zieht auf!“ Die Waldbewohner verrammeln ihre Häuser, gefüllt mit Vorräten, Wärme und Licht. Sie machen es sich gemütlich. Da kommen Großer Bruder Bär und sein kleiner Bruder. Misstrauisch aus Gucklöchern beäugt, bitten sie höflich um Einlass. Ihnen ist kalt, sie haben Hunger, und sie haben Angst im Dunkeln. Aber niemand lässt sie ein. „Der Platz reicht schon für uns kaum aus. Geht weiter bis zum nächsten Haus.“ Nur Kleiner Fuchs läuft ihnen nach und bringt ihnen eine Laterne.
Abgewiesen landen sie auf einem eisigen Hügel. Doch sie haben Glück: Es beginnt zu schneien. Wie man aus Schnee Höhlen baut, das wissen die Bären. Als Familie Fuchs aus ihrer zusammenbrechenden Höhle fliehen muss, findet sie bei ihnen Unterschlupf.

„In einer Nacht ohne Ende
Und ohne Mondenschein
Öffneten zwei Fremde
Ihr notdürftiges Heim.“

Die kleine Geschichte wird in lyrisch-rhythmischer Sprache erzählt, in Reimen, die die Suche beschreiben. Tiere als handelnde Personen – das Buch könnte schon 100 Jahre alt sein. Trotzdem oder gerade deswegen bringt es das Thema „Gastfreundschaft“ bezaubernd auf den Punkt, das für viele Gemeinschaften überlebenswichtig war und ist. Mit lebhaftem Strich, ausdrucksstarken Figuren und einer Sprache, die sich fast von allein vorliest, überzeugte das Buch auch Gabriela Wenke.

Kinderbuch der Woche: Über die Freundschaft

Freundschaft, Liebe und der Unterschied

Ein Sommer auf einer griechischen Insel und drei ältere Kinder, die erleben, wie Freundschaften entstehen und wie Grenzen verschwimmen. Was ist noch Freundschaft, was schon Liebe? Worin besteht der Unterschied? Was darf man und was nicht?
Jakob (12) besucht nach Jahren seinen griechischen Vater auf dessen Heimatinsel, während seine niederländische Mutter mit dem neuen Freund Urlaub macht. Obwohl Jakob weder etwas mit seinem Vater und dessen Restaurant noch mit dem Dorf zu tun haben will, lockt der beharrliche Strahlemann Micha (13) ihn aus dem Haus. So beginnt eine traumhafte Ferienzeit am Meer und in dem kleinen Ort, in dem Jakob die – völlig vergessenen – ersten Jahre seines Lebens verbrachte. Aber Micha erinnert sich gut! Auch er ist eine griechisch-niederländische Mischung, aber sein niederländischer Vater blieb auf der Insel. Bald kommt es den beiden Jungen vor, als wären sie schon ewig und für immer Freunde.
Michas Freundin Puck wird die Ferien ebenfalls wieder auf der Insel verbringen. Sie ist so alt wie er, und für beide ist es die erste Liebe. Als Puck mit ihren Eltern aus den Niederlanden anreist, stimmt die Chemie zwischen allen drei Kindern, und sie träumen davon, dass sie später als Erwachsene zu dritt zusammenleben. Doch das Gleichgewicht auf der schmalen Kante zwischen Freundschaft und Verliebt-Sein ist fragil. Schon ein Moment verbotener Zweisamkeit zwischen Jakob und Puck kann es zerstören.
Die Erlebnisse mit Micha und Puck lassen Jakob über andere Liebesgeschichten nachdenken. Über die seiner Mutter und seines Vater zum Beispiel, die auf dieser Insel einige Jahre zusammenlebten, über Michas Eltern und über die junge Frau, die seinem Vater im Restaurant hilft. Plötzlich ändert sich sein Blick auf die Menschen in seiner Umgebung, und er kann seine Gefühle für den Vater endlich zulassen.
Gideon Samson hat für die ungewöhnliche und überzeugende Geschichte über Freundschaft und Liebe zwischen Heranwachsenden genau die richtigen Worte gefunden. Wunderbare Bilder vom Sternenhimmel und der nächtlichen Landschaft ziehen Leserinnen und Leser in den Bann großer Gefühle. Unbedingt lesen und lesen lassen, findet Gabriela Wenke.

Kinderbuch der Woche: 100 Gedichte für Kinder

 

Bücher für Kinder von null bis zu zwölf Jahren und für ihre Erwachsenen – von Gabriela Wenke empfohlen. Jeden Donnerstag bis zur Frankfurter Buchmesse 2019!

Gedichte sind ja eher nicht praktisch, sondern poetisch. Aber das Buch „Sieben Ziegen fliegen durch die Nacht“ mit 100 neuen Gedichten deutschsprachiger Autorinnen und Autoren ist sehr praktisch: Knallrot, so dass man es nicht übersehen und immer wiederfinden kann. Ein bisschen elastisch und nicht zu groß, so dass es in einen kleinen Rucksack passt, zum Mitnehmen und Rumtragen. Auf diese Weise hat man immer ein Gedicht zur Hand. Eins von Jutta Richter geht so:

Der Traum

Ich träumte einen schlimmen Traum
Und träumte ganz allein
Ich war in einem fremden Raum
Da wollte ich nicht sein
Ich wollte rufen und blieb stumm
Ich hatte die Stimme verloren
Im Zimmer krochen Spinnen herum
Mit großen Segelohren
Da endlich bin ich aufgewacht
Zu dir ins Bett gekrochen
Du hast im Schlaf mir Platz gemacht
Es hat nach dir gerochen
Ich rücke nah an dich heran
Bin sicher hier und warm
Ich weiß, dass ich jetzt schlafen kann

Uwe Gutzschhahn, der nicht nur für sein Lebenswerk als Übersetzer den Deutschen Jugendliteratur Preis erhalten hat, sondern Autor und insbesondere Lyriker ist, hat die 100 neuen Kindergedichte gesammelt, in denen viel Humor, Witz und Schabernack zu finden ist. Das sollte Erwachsene ermutigen, auch mal ein Gedicht vorzutragen. Wenn sie das oft genug tun, können die Kinder schon etliche auswendig, bevor sie lesen können.
Viele Namen kennt man aus Kinder- und Bilderbüchern, zum Beispiel Jutta Richter, Michael Rohrer, Franz Wittkamp, Franz Hohler, Paul Maar, Arne Rautenberg. Und mit 100 Gedichten kann man 20 Schulwochen Tag für Tag bestücken – a poem a day, keeps the Nachhilfelehrer away –, bis jedes Kind selbst so dichten kann wie Gerhard Rühm:

verunglücktes abzählgedicht

eins
zwei
drei
vier
fünf
sechs
sieben
acht
neun
zehen
eine fehlt

Die restlichen 98 Gedichte möge sich die geneigte Leserin, der amüsierte Leser selbst anschauen – nebst der wagemutig-farbenfrohen Bilder von Sabine Kranz.
100 Gedichte sind ein guter Beginn für ein poetisches 2019!