Wahrheit. #wamiki 6/2017

Liebe Leserin, lieber Leser,

sagst Du wirklich immer die Wahrheit?

Keine Angst, wir wollen Dich nicht in Verlegenheit bringen, und Du bist uns sowieso keine Rechenschaft schuldig. Wir wollen Dir nur einen Satz aus unseren Kindertagen in Erinnerung rufen – und dieses Gefühl, beim Verdrehen der Wirklichkeit erwischt worden zu sein.

„Sag die Wahrheit“, forderten Erwachsene zu Hause, in der Kita und in der Schule, obwohl sie meist genau wussten, was wir angestellt hatten. Manche von uns fürchteten sich in solchen Situationen sogar vor dem lieben Gott, der bereits die rechte Braue erhob, weil er jede Lüge erkannte.

Ist das heute immer noch so mit dem Kind-Sein und dem Lügen? Sollten wir Kindern das Recht auf Lügen zugestehen, weil wir uns daran erinnern, warum wir logen, als wir Kinder waren? Hat das etwas mit Macht und Ohnmacht zu tun? Oder haben Kinder und Erwachsene einfach andere Vorstellungen von der Wahrheit?

Verbreitest Du Wahrheiten unter den Kindern?

Keine Angst, auch diese Frage ist ganz harmlos. Zu jedem pädagogischen Beruf gehört es nun mal, die eigene Auffassung von der Wirklichkeit weiterzugeben – an junge oder ältere Kinder und sogar an Erwachsene. Trotzdem kann es nicht schaden, immer mal wieder innezuhalten und sich zu fragen: Ist jetzt wirklich wahr, was ich sage – oder nur meine Meinung, basierend auf Halbwissen? Womöglich ist es am Ende nur eine Vermutung, und ich nutze aus, dass die Lernenden zu mir aufschauen und bereit sind, mir zu glauben? Sollte ich im Zweifelsfall später zugeben, mich getäuscht und ihnen etwas Verkehrtes gesagt zu haben? Schadet das meiner Autorität?

Apropos Autorität: Glaubst Du, was in „wamiki“ steht? Besser nicht, denn wir möchten in unserem Magazin nämlich keine Wahrheiten verkünden, sondern zum Nachdenken und Diskutieren anregen. Unsere Heft-Themen betrachten wir – wie unsere Autorinnen und Autoren – aus verschiedenen Blickwinkeln oder Perspektiven, die jeweils ihre Berechtigung haben, finden wir. Um die Wahrheit geht es uns da eher nicht, allenfalls um einen Ausschnitt aus der Wirklichkeit.

Jedenfalls hoffen wir, dass Du nicht alles glaubst, nur weil es gedruckt ist. Schreib uns lieber Deine Sicht, damit wir gemeinsam nach neuen Wahrheiten suchen können.

Eine Zeit voller Wahrheiten und ein paar schönen Lügen wünschen Dir

Deine wamikis

 

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Wenn Du Papier bevorzugst, dann bitte hier entlang

Neues Positionspapier – Willkommen Konkret

In Willkommen KONKRET – dem Berliner Bündnis für Kinder geflüchteter Familien, arbeiten seit Anfang 2015 Menschen aus der frühpädagogischen Praxis und Theorie, aus Verwaltung, Beratung, Therapie, Fort- und Weiterbildung sowie weiteren Arbeitsfeldern zusammen.

Alle Beteiligten setzen sich dafür ein, dass Kinder geflüchteter Familien Zugang zu Bildung, Erziehung und Betreuung erhalten. Wie den schon immer in Berlin lebenden Kindern sollen ihnen die gleiche Aufmerksamkeit, Fürsorge und die gleichen Leistungen zukommen.

Begonnen hatte das Bündnis Willkommen KONKRET vor allem mit der Fürsorge für sehr junge Kinder, seit dem Sommer 2017 kümmern sich alle Beteiligten auch um etwas ältere Kinder bis etwa zum Ende des Grundschulalters.

Es geht um die Unterstützung pädagogischer Fachkräfte, um Vernetzung, Weiterbildung aber auch um deutliche Formulierung politischer Forderungen. 2015 und in diesem Jahr gab es dazu Fachtage.

Soeben wurde ein aktuelles Positionspapier verabschiedet, das wamiki unterstützt und deshalb auch gern verbreitet. Interessierte können es sich hier im PDF-Format herunterladen.

Download: Handout Positionspapier Willkommen Konkret

Weitere Informationen zum Bündnis findet Ihr auf: www.willkommen-konkret.de

Coffee for life Oder Social Entrepreneurship

Erstens: Ich komme, reicher Vater hin oder her, aus sehr armen Verhältnissen, die High Society langweilt mich; es ist besser, mit den Armen zusammenzuarbeiten, als den Reichen zu helfen, noch reicher zu werden.
Zweitens: Ich bin lieber meine eigene Unternehmerin als gutbezahlte Marionette in Firmen, deren Macken ich mittragen soll.
Drittens: Ich heirate nicht, denn ich will auch keine Marionette in privaten Verhältnissen sein.
Viertens: „Think big“; wenn ich etwas anfange, dann nicht auf kleiner Flamme.

 

Das ist die Geschichte vom armen thailändischen Mädchen Praewa, das zur reichen Unternehmerin wurde und den armen Kindern Gutes tut.

Aufgeschrieben hat sie für unsere Fachzeitschrift #wamiki 5/2017 zum Thema Konsum/Kaufen  Jürgen Zimmer, emeritierter Professor für Erziehungswissenschaft und Mitgründer der School for Life Chiang Mai/Thailand (2003); Präsident der School for Life Foundation/Thailand und Mitgründer und pädagogischer Leiter der Beluga (später Hanseatic) School for Life Phang Nga/ Thailand (2005).

Hier könnt Ihr den vollständigen Artikel von Jürgen Zimmer als PDF herunterladen

Viel Spaß beim Lesen!

Aufruf von 130 Wissenschaft­ler_innen

Auch wenn die Regierungsbildungsgespräche gerade gescheitert sind, bleiben doch die Forderungen von renommierten Wissenschaftler_innen aus dem Bereich der frühen Bildung und Erziehung aktuell, die vor der Bundestagswahl die Politik aufgerufen hatten, sich endlich für einheitliche Qualitätsstandards in der frühen Erziehung, Bildung und Betreuung einzusetzen. Wir haben diesen Aufruf in der aktuellen wamiki 5/2017 abgedruckt, weil wir ihn für sehr wichtig und bedeutend halten. Hier im Blog deshalb auch noch einmal zur Erinnerung für künftige Regierungsverhandlungen, ergänzt um zwei Links zu lesenswerten Interviews mit zwei der Inititiatorinnen.

Aufruf: Qualitätsstandards in der frühen Erziehung, Bildung und Betreuung jetzt angleichen, dauerhaft verbessern und finanziell sichern

Die Forschung zu frühkindlicher Entwicklung und institutioneller Bildung, Erziehung und Betreuung liefert eindeutige Belege: Investitionen in strukturelle Rahmenbedingungen der Kindertagesbetreuung führen zu einer verbesserten pädagogischen Qualität und wirken sich förderlich auf kindliche Bildungs- und Entwicklungsverläufe aus. Dieses Wissen ist empirisch abgesichert und gut dokumentiert – jetzt muss es genutzt werden! Die Verantwortung dafür, WIE dies geschieht, liegt nach wie vor in den Bundesländern, bei den Kommunen und Trägern. Dafür, DASS diese Erkenntnisse umgesetzt werden, bedarf es jedoch enormer Ressourcen mit Unterstützung des Bundes. Um allen Kindern unabhängig von Herkunft und Wohnort gleiche Chancen zu ermöglichen, muss jede künftige Bundesregierung sicherstellen, dass auch in finanzschwachen Regionen ein bedarfsgerechter quantitativer und qualitativer Ausbau von Kindertageseinrichtungen und der Kindertagespflege ermöglicht wird. Es sollte dabei sichergestellt werden, dass die Mittel tatsächlich in der Kindertagesbetreuung und bei den Kindern ankommen. Bund und Länder haben sich in einem gemeinsam gestalteten Prozess bereits auf Eckpunkte für ein Qualitätsentwicklungsgesetz verständigt. Die unterzeichnenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler begründen den hierin ausgedrückten Willen der Politik, für alle Kinder in Deutschland auf vergleichbare Rahmenbedingungen in frühpädagogischen Institutionen hinzuarbeiten und so das

Postulat der Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse einzulösen. Sie unterstützen ausdrücklich die im Beschluss vom 18./19. Mai 20171 niedergelegte Absicht der Jugend- und Familienministerkonferenz (JFMK), die Erarbeitung eines solchen Gesetzes voran zu treiben.

Wir fordern die politisch Verantwortlichen daher auf:

(1) den Beschluss der JFMK unmittelbar nach Beginn der nächsten Legislaturperiode des Bundestags in ein Gesetzgebungsverfahren einmünden zu lassen

(2) die in Aussicht gestellte Mitfinanzierung des Bundes strukturell abzusichern, zügig zu realisieren und regelmäßig Bericht über quantitative und qualitative Aspekte des Qualitätsentwicklungsprozesses – auch unter vergleichender Perspektive – zu erstatten

(3) den Prozess der Aushandlung von Qualitätsentwicklungszielen in den Ländern unmittelbar zu beginnen, diesen partizipativ und transparent zu gestalten und seinen Fortschritt über konkret formulierte Meilensteine sicht- und überprüfbar zu machen

(4) die abzuschließenden länderspezifischen Zielvereinbarungen gemäß der neun formulierten Handlungsfelder im Beschluss der JFMK – z. B. zum Personaleinsatz oder zu Leitungstätigkeiten – grundsätzlich an empirisch abgesicherten Standards und wissenschaftlichen Erkenntnissen2 zu orientieren

(5) das bisherige Finanzierungsvolumen bzw. den erreichten Stand der Investitionen in Qualität und Qualitätsentwicklung in den Ländern unter keinen Umständen zurückzufahren, sondern zusätzliche Mittel für weitere Qualitätsverbesserungen zu verwenden

(6) die produktive Zusammenarbeit mit Wissenschaft und Forschung weiterhin zu suchen, um den Qualitätsprozess kritisch-konstruktiv begleiten zu lassen und dessen Ergebnisse und Effekte empirisch zu analysieren.

Initiatorinnen:
1. Prof. Dr. Susanne Viernickel (Universität Leipzig)

hier ein Interview mit ihr auf den Seiten ihrer Universität

2. Prof. Dr. Irene Dittrich (Studiengang Kindheits­pädagogik)

3. Prof. Dr. Rahel Dreyer (Bundesarbeitsgemeinschaft Bildung und Erziehung in der Kindheit e. V.)

hier ein Interview mit ihr, geführt auf dem Portal ErzieherIn.de

 

Foto: chrisko82,  photocase.de

Kauf dir die glückende Kindheit!

Diese Angst kennt jeder Mensch, der auf Wiedergeburt setzt: In welchem Leben werde ich das nächste Mal landen? Finsterstes Slum-Milieu im Schwellenland, glanzvoller Hochadel oder zum x-ten Mal diese öde Mittelschichts-Nummer in Westeuropa?

Unser Leben gleicht einer Reise, sagte irgendein Schlaumeier, und deswegen stimmt das wohl. Also kommt es auf die eine entscheidende Frage an: Habe ich beim richtigen Reiseveranstalter gebucht?

Schauen wir mal rein in den Kindheits-Reisekatalog:

Aufstieg zum Dach der Gesellschaft!

Glanz der Oberschicht: Genießen Sie eine unbeschwerte Luxus-Kindheit mit allen erdenklichen Annehmlichkeiten. Starten Sie Ihre Lebensreise in der Privatklinik von Prof. Eusebius nach der persönlichen Entbindung durch unseren Chefarzt, der Sie mit goldener Nabelschnurschere und einem Glas frischer Nobelmuttermilch willkommen heißt. Erleben Sie danach ungestörte Ruhe in unserem Kindergarten „Elite Kids“, wo Ihnen in einem ansprechenden, frei wählbaren Animationsprogramm viele Möglichkeiten der individuellen Fortentwicklung geboten werden. Nutzen Sie als Spielfläche einen der größten englischen Rasen Deutschlands, den unser Mähroboter für Sie besonders kurz hält. Lassen Sie sich rund um die Uhr von unserem Nanny-Team jeden Wunsch von den Augen ablesen – und von kurzen Auftritten unseres für Sie eingeflogenen Elternpaares „Wolfeckart und Sigrid“ überraschen. Genießen Sie es, von Kontakten mit der einheimischen Bevölkerung während der Kindergarten- und Schulzeit weitgehend verschont zu bleiben. Verbessern Sie Ihr Golf-Handicap und begeben Sie sich zum Abschluss der Kindheitsreise auf Tour zu den Eliteschulen Harvard, Eton und Salem. Viel Vergnügen!

Feedback der Kunden

  • Eine herrliche, angenehm wertige Kindheit! Unbedingt empfehlenswert, aber natürlich nicht für jedermann. Gut, dass der hohe Preis unpassende Kunden abschreckt.
  • Von wegen „frei wählbares Animationsprogramm“! Dieser plötzlich aufgetauchte Herr Vati drohte mir an, bei Nichtteilnahme am Geigenkurs die Reise umzubuchen – zur Tour „Problemkind im Internat“. Nie wieder!

Zu Gast im Nicht-Einwanderungsland

Daheim und doch in der Fremde – unter diesem Motto steht die faszinierende Deutschlandreise. Lassen Sie sich hineingebären in eine authentische Parallelgesellschaft, die, unberührt vom wirtschaftlichen Trubel und unangenehmer gesellschaftlicher Teilhabe Ihres Gastlandes, ihren eigenen Traditionen huldigt.

Erleben Sie den Charme historischer Schulbauten, die trotz Zerfalls eindrucksvolle Zeugen der Vergangenheit sind. Wandern Sie auf bequemen Bildungswegen, weitgehend frei von unangenehm-anstrengenden Aufstiegsmöglichkeiten. Erleben Sie Einheimische, die Sie als lieben Gast behandeln, gerade weil sie Sie als Mitbürger nur ungern akzeptieren würden. Wahren Sie als Nutzer unserer Gästekarte, der „befristeten Aufenthaltsgenehmigung“, die Chance auf kostenlose Überraschungs-Rückführung, die Ihr Reiseteam unter allen Mitreisenden verlost.

Feedback der Kunden

  • Angenehm chillige Atmosphäre. Man ist mittendrin und doch unter sich – toll! Habe vor Begeisterung die Reise gleich für die nächsten 45 Jahre gebucht: Auf ausgetretenen Pfaden im Niedriglohnsektor – da fühlt man sich schon speziell wertvoll.
  • Lustig fanden meine Frau und ich dieses Einbürgerungs-Quiz, dessen Fragen sogar den einheimischen Quizmaster überforderten. Schade, dass wir nicht den Hauptgewinn, diese megascharfen „Deutschen Pässe“, einstreichen konnten!

 

Auf SUV-Tour durch Bullerbü

Genießen Sie die schönsten Lebensjahre in einer sympathischen, authentischen Mittelschichtsfamilie mit qualitätsgeprüften Verhaltensweisen. Erfahren Sie die Annehmlichkeiten einer Rundum-Betreuung: Ihre für Sie persönlich reservierte, stets einsatzbereite „Mama“ verwöhnt Sie mit biologisch hochwertigen Speisen. Ein sympathisch-knuffiger „Papa“ übernimmt alle Transporte im gehobenen Mittelklassewagen, sorgt für die finanzielle Absicherung Ihrer Tour und übergibt Ihnen – ein besonderes Plus – eine liebevoll gestaltete Langzeit-Dokumentation aller Höhepunkte vom ersten Schaukelbesuch bis zur grandiosen Abi-Feier.

Für lehrreiche Vormittage haben wir keine Mühen gescheut, Ihnen je einen Platz in Ihren Bedürfnissen entsprechenden Bildungseinrichtungen zu reservieren. Und nachmittags können auf Wunsch Geige-, Querflöte-, Fußball- oder Mandarin-Kurse und Kontakte zu passenden Altersgenossen gebucht werden.

Feedback der Kunden

  • Größtes Plus: Das Reiseleiterpärchen „Mama & Papa“ war während der ersten zwölf Jahre ständig präsent und bemühte sich, mir jeden Wunsch von den Augen abzulesen. Größtes Minus: Das Reiseleiterpärchen war auch in den nächsten sechs Jahren ständig präsent.
  • Technik miserabel: Der in unserer Unterkunft angebrachte Fernseher hatte nur zwei Programme – Eins festival und BR Alpha. Die angepriesene DVD-Bibliothek enthielt nur drei angestaubte Filme: Saltkrokan, Langstrumpf 1 und Bullerbü. Schade!

Genießertage am Boden der Gesellschaft

Umgeben von majestätischen Plattenbauten begrüßt Sie Ihre HARTZVIER-Familie im vom Wohlstand unberührten Seitental des Kapitalismus. Hier fühlen Sie sich von Geburt an gut aufgehoben – in Ihrer urwüchsigen Familie, bestehend aus einer sächsisch-imposanten Mutter, vielen Mitreisenden und dem sagenumwobenen „Eckensteher Paule“, einem Vater, wie ihn schon Heinrich Zille in seinem Zeichenblock festhielt: immer mit einer Pulle Bier in der Hand. Diese beiden Reiseleiter sorgen in der zweckmäßig eingerichteten, angenehm schattigen Wohnstube für Ihr Wohl, unterstützt durch unser vielbeschäftigtes Jugendamt. Über Ihre Freizeitgestaltung entscheiden Sie selbst – von intensiven Fernseh- und Spielkonsolengenuss nebst lauwarmem Eistee bis zum „Gang vor die Tür“ mit spannenden Begegnungen: Neonazis, Obdachlose, arme Kinder. Fast alles ist möglich!

Als besonders Highlight werden Sie regelmäßig von speziell ausgebildeten Lehrern zu Problemgesprächen mit und ohne Betreuerteam eingeladen, in denen Sie Ihre Zukunftsvorstellungen vortragen und testen können, wie sie ankommen.

Den krönenden Abschluss der Fahrt bildet die Schatzsuche nach einem Ausbildungsplatz, nach deren erfolglosem Abbruch sich das Team des Jobcenters rührend um sie kümmert. Ein prägendes Erlebnis!

Feedback der Kunden

  • Die als kinderleicht angepriesene Wandertour zu diesem Abitur-Gipfel war der Mega-Flop! Weil unserer Gruppe aus unklaren Gründen Aufstiegsmöglichkeiten verwehrt blieben, erreichten nur zwei Leute den Gipfel – mit jahrelangen Umwegen!
  • Lief wie erwartet. Hab die Reise für meine Kinder gleich noch mal gebucht – und für die dermaleinstigen Enkel auch. Denn welche Alternative gäbe es für Leute wie uns?

 

Foto: Tom Bäcker (Auf der Sonnenseite des Lebens)

#wamiki 5/2017: Kauflust

Die neue wamiki 5/2017 wird bereits gedruckt … wenige Tage also nur noch, bis sie an unsere Abonnent_innen geht. Deshalb kommt hier schon einmal unser Editorial, das auf das Heftthema Kaufen-Konsum einstimmt. Viel Spaß beim Lesen wünschen Dir die wamikis!

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Rechthaber: Vorsicht ist die Mutter Purzelchens

Seit dem Heft 1/2017 unserer Fachzeitschrift wamiki klären Autor und Fortbildner Michael Fink und Rechtsanwalt Lars Ihlenfeld in der Rubrik „Rechthaber“ Rechts-Fragen aus der Welt der Pädagogik. Im aktuellen Heft geht es um den Umgang mit Feuer und klar: Bei diesem Thema immer auch um die „berüchtigte“ Aufsichtspflicht und ihre Verletzung. Doch lest selbst! Hier im Blog frei und zum Reinschnuppern. Weiter lesen

Wer sich nicht wehrt …

Liebe Leserin, lieber Leser, wogegen wehrst Du Dich?

„Widerstand“ ist das Leitthema dieses Heftes. Das klingt zwar knackig, aber vielleicht auch etwas pathetisch. Passt der Begriff überhaupt in eine Zeit, in der es kaum um gegensätzliche Gesellschaftsvorstellungen geht, in der immer wieder der Konsens bemüht wird, in der die meisten Parteiprogramme sich nur in Details unterscheiden und man auch in der Welt der Pädagogik eher über Feinheiten diskutiert als über das große Ganze?

„Wenn Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht“, schrieb Bertolt Brecht. Ein Spruch, der auf keiner Demo fehlen darf. Macht Widerstand auch Sinn, wenn Recht grundsätzlich Recht bleibt?

Wie wehrst Du Dich? Im Kampf gegen erbitterte Gegner scheint manches Mittel recht. Wenn es dagegen um die Frage geht, wie wir leben und arbeiten wollen, wirken die üblichen Protestformen vergangener Tage bisweilen eher peinlich. Hungerstreik für bessere Vorbereitungszeiten?

In diesem Heft fragen wir deshalb, welche Protestformen wogegen angemessen und trotzdem erfolgreich sind. Wo kann man für eine gerechtere, bessere Welt streiten? Nur auf der Straße? Und: Welche Mittel bieten sich an?

Wehrt man sich eigentlich auch gegen Dich? Beim Thema „Widerstand“ kennen wir pädagogisch Tätige beide Seiten der Medaille. Auch gegen uns kann sich Widerstand regen – von Kindern, Jugendlichen, Eltern… Ist er berechtigt? Sollte es unser Ziel sein, so einvernehmlich mit unseren Klienten umzugehen, dass Widerstand nicht zweck-, sondern sinnlos ist? Ist es gar unsere besondere Aufgabe, Widerstand ab und an gezielt zu provozieren – oder zumindest seinen verbalen Bruder, den Widerspruch?

Fragen über Fragen, auf die wir im Heft Antworten suchen. Wir hoffen, damit bei Dir für Anregung zu sorgen – und für fruchtbaren Widerspruch.

Deine wamikis

 

Und hier geht es zum Heft #4/2017 unserer pädagogischen Fachzeitschrift

Flaggen ohne Bedeutung

Habt ihr schon mal über eure Nationalflagge nachgedacht? Wie viele verschiedene Flaggen gibt es in eurer Gruppe oder Klasse? Gibt es unter euch Familien, die alte Wappen haben? Hat eure Familie, eure Kita, euer Hort oder die Schule eine eigene Flagge?

Nationalflaggen stiften Identität. Sie schließen ein und gleichzeitig aus. Die Nationalflagge ist ein symbolisches Objekt, das Macht trägt. Vor dem Hintergrund des unwürdigen Umganges mit Geflüchteten faszinierte die australische Künstlerin Sonja Hornung der Gedanke, diese symbolische Macht ad absurdum zu führen: Was wäre, wenn sich die Nationalflaggen komplett entleeren? Lena Grüber sprach mit der Erfinderin des Kunst-Projektes: Flaggen ohne Bedeutung

Foto: Patricia Breves

Wie bist Du auf diese Idee gekommen?

Ich bin 2012 von Australien nach Deutschland gekommen. Als ich das Land verließ, wurden gerade die Asylgesetze für die Einreise verschärft. Es hat mich irritiert, als erstes als Australierin identifiziert zu werden, weil ich diese Politik meines Heimatlandes nicht mittrage. Ich wollte ich sein – und nicht mit dieser australischen Politik verbunden werden. In Berlin angekommen erlebte ich den Marsch der Geflüchteten, bei dem Asylsuchende auf ihre rechtelose Situation aufmerksam machten. Das Thema Flucht und Grenzen war überall präsent in der Stadt. Und in mir. Ich fragte mich: Gibt es ein Symbol, das die nationalen Grenzen aufheben kann? Ohne, dass es jenseits der Realität ist? Ich wollte das bestehende System ersetzen und … fand einen Weg. Endlich!

Welchen denn?

Das symbolmächtigste Objekt für Nationalstaaten sind die Flaggen des Landes. Sie repräsentieren Millionen Menschen, die Landesgeschichte, besondere geografische Bedeutungen sowie Herrschaftsansprüche. Sie stiften Identität – schließen ein und gleichzeitig aus. Die Nationalflagge ist ein Objekt, das Macht trägt. Mich fasziniert der Gedanke, diese Macht ad absurdum zu führen, sie zu entblößen, sie zu knicken.

Also begann ich Nationalflaggen zu erforschen. Ihre Geschichte fand ich sehr spannend:

Zuerst gab es das Wappensystem, zum Beispiel mit einem Adler oder einem Schwert. Diese Wappen waren lokal gebunden, denn sie trugen Symbole der adligen Familien vor Ort. So konnte man gut unterscheiden, wer woher kam und welche Anrechte hatte. Als im 19. Jahrhundert die ersten demokratischen Staaten geschaffen wurden – zum Beispiel in Frankreich mit den Gedanken von Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit – wurde das Wappensystem abstrahiert. So wurde das Dreifarbensystem – die Trikolore –erfunden. Die drei Farben standen für das Bürgertum und die Republik in Abgrenzung zur bisher vorherrschenden Monarchie. So konnte man schon an der Flagge erkennen, wer den Staat regiert.

 

Ich fand die Abstraktion von gesellschaftlichen Werten sehr spannend und fragte mich, wie weit ich diese Abstraktion wohl treiben konnte. Könnte ich auch eine Nationalflagge komplett entleeren und ihr damit jeden Sinn nehmen?

Und? Kannst Du alle Fahnen gleich machen?

Meine erste Idee war es, die Schatten der Flaggen zu fotografieren. Im Schatten lösche ich alle Farben und Muster gleichermaßen. So scheinen auch die unterschiedlichen Länder gleicher. Um die Schatten der Flaggen zu fotografieren, fuhr ich im Sommer durch Berlin und besuchte Botschaften. Daraus ist diese Bildreihe entstanden:

Wie unterscheiden sich die Flaggen? Was vereint sie? Könnt ihr erkennen, welche Flagge zu welchem Land gehört? Wie fühlt es sich an, wenn die Flaggen so aussehen? Was macht der unterschiedliche Untergrund? Und die unterschiedliche Schärfe des Schattens? Wehen alle Flaggen? Ist die Richtung, in die die Flaggen wehen, wichtig?

 

Als ich so Tag für Tag die Schatten der Flaggen sammelte, beobachtete ich, wie sie im Wind wehen. In Farbe, ganz in echt. Ich überlegte: Könnte man neben meinem kleinen Trick mit dem Schatten auch die echten Flaggen, die dort oben wehen, abstrahieren und entleeren?
Ich malte die Flaggen einzeln auf und analysierte ihre Bestandteile. Kreuz, Balken, zwei Balken, Sterne, … Daraus entwickelte ich ein Würfelspiel, in dem in drei bis vier Schritten Farben und Muster einer neuen Flagge völlig zufällig entstehen. Und nicht historisch wachsen. Flaggen ohne Bedeutung.

Sonjas Würfelspiel: 3- 4 x würfeln für eine neue Flagge

Wollt ihr das auch ausprobieren? Hier gibt es das Flaggenspiel von Sonja: Ihr benötigt einen Würfel, Papier und Stifte, um die neue Flagge zu erschaffen. Beim ersten Wurf habt ihr das Grundmuster links. Dieses wird beim zweiten Wurf um das nächste Muster ergänzt und beim dritten Wurf um das dritte Muster. Danach erwürfelt ihr die Farbe.

 

Fragen zum Weiterspielen:
Welche Werte spiegelt diese Flagge für euch wider und warum? Gibt es Symbole, die ihr bevorzugt? Oder Lieblingsfarben? Wie würde eine Flagge aussehen, die eure Gruppe beschreibt? Wie eine, die eure ganze Einrichtung vertritt? Könnte es eine Flagge geben, die die ganze Welt repräsentiert?
Was bedeutet euch eine nationale Identität? Was bedeutet es heute zum Beispiel deutsch zu sein? Kann man nur eine Nationalität haben?
Schickt Sonja eure selbstgebastelten Flaggen. Findet ihr im Stadtraum ungenutzte Flaggenmasten, an denen ihr eure eigene ‚entleerte‘ Flagge hissen könnt?

 

Später habe ich die Flaggen erwürfelt und ca. 60 Stück selbst genäht. Diese habe ich den Botschaften angeboten als Ersatz für ihre nationale Flagge.
Meist lief die Kommunikation mit den Botschaften dann so ab: Ich bekomme einen Anruf. „Hallo, worum geht es denn genau?“ Ich erkläre mein Anliegen, die Flaggen zu tauschen. Große Verwirrung in der Konversation: „Was? Sie wollen unsere Flagge ersetzen? Durch eine Flagge, die keine Bedeutung hat?“
Es war immer sehr formell, vorsichtig und ernst. Die Sprache ist eine eigene Performance. Ich stieß gegen wahnsinnig großen Bedacht. Hier lernte ich, dass Staat auch eine Art von Performance ist und wenn man diese Performance nicht richtig ausführt, sie auch scheitern kann. Deswegen nehmen das alle sehr ernst. Außerdem gibt es viele Regeln und Gesetze zum Hoheitsgebiet der Botschaften.
Einmal wartete ich zum Beispiel vor der Botschaft von Kasachstan, und ich war relativ früh da, sodass der Schatten der Flagge zwar sichtbar war, aber innerhalb der Botschaft lag. Ich konnte ihn wegen des großen Zauns nicht von außen fotografieren. Also klingelte ich und fragte zunächst den Pförtner. Der holte den Botschafter, beide diskutierten lange miteinander und antworteten mir dann: „Nein, geht nicht, Sie dürfen hier nicht reinkommen.“ Ich wollte gehen, aber ich war so weit gefahren und wollte doch nicht aufgeben. Also blieb ich stehen. Die beiden rauchten eine Zigarette zusammen und kamen zurück zu mir. “Was wollen Sie jetzt noch?“ Ich: „Ich gehe doch nicht weg, ich will nur 10 Minuten hier rein, um die Flagge zu fotografieren.“ Sie überlegten, dann kam der Botschafter zu mir und sagte: „Ok, geben Sie mir Ihre Kamera und ich fotografiere das für Sie. Sie können mir sagen, wie Sie das genau haben wollen.“ Ich blieb vor dem Zaun, der Botschafter kam wieder, zeigte mir die Fotos und wir wählten das Beste aus. Die Staatsperformance wurde gewahrt und ich hatte, was ich wollte. Das sind für mich witzige Situationen, in denen sich Menschen trotzdem sehr menschlich verhielten. Ich habe es dann doch geschafft, einige Flaggen woanders aufzuhängen, z.B. vor mehreren ehemaligen Botschaftsgebäuden im Osten Berlins.

Foto: Benjamin Busch

Was meint Sonja mit Staatsperformance? Kennt ihr besondere Regeln, denen Botschafter folgen müssen? Oder kennt ihr besondere Ausnahmen, die nur für sie gelten? Warum haben sie andere Regeln als wir?

 

Sonja hängt eine Flagge ohne Bedeutung auf
Foto: Patricia Breves

Sonja Hornung (geb. 1987, Melbourne) ist bildende Künstlerin. 2010 schloss sie ihren Bachelor of Creative Arts mit Schwerpunkt visuellen Medien an der University of Melbourne ab. Sie ist Absolventin des Masterstudiengangs „Raumstrategien“ an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee (2016). Sie lebt und arbeitet in Berlin.

Das Projekt wurde mit dem kuratorischen Plattform Neue Berliner Räume entwickelt und realisiert.