Vom Miteinander im Team Warum sind wir, wie wir sind? Und warum stoßen wir damit nicht nur auf Gegenliebe? Erinnerungen an missliche Situationen, Erkenntnisse über Verhaltensweisen, Erfahrungen mit Lösungsmöglichkeiten und Umsetzungstipps – Aline Kramer-Pleßke, Supervisorin und Coach, möchte dazu beitragen, dass wir unsere Potenziale entdecken, unsere Ressourcen stärken, emotionale Entlastung finden und souveräner handeln können….
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Wird euer Schreibtisch auch immer voller und ihr habt es satt, das Nadelöhr in Entscheidungsprozessen zu sein? Wartet ihr ewig auf Entscheidungen, die ihr selbst kompetent und transparent treffen könnt? Aber niemand lässt euch?
Verschafft euch Zeit für strategische Entscheidungen, in dem ihr unklare Zuständigkeiten, Entscheidungskompetenzen und Erwartungen in eurem Team neu definiert. Klingt anstrengend? Das muss nicht sein, probiert mal den Partizipations-Poker. Wir stellen euch das Kartenspiel vor.
Warum Entscheidungen delegieren?
@Leitung: Habt ihr euch schon oft gefragt, warum ihr als Leitung eigentlich so viele Entscheidungen selbst treffen müsst, obwohl eure Mitarbeitenden vielleicht viel besser im Thema stehen? Warum immer wieder jemand angekleckert kommt und euch aus den überfälligen Strategie-Plänen reißt? Oder andersrum:
@Mitarbeitende: Habt ihr euch auch schon oft gefragt, warum ihr als Fachkräfte die Entscheidung nicht selbst treffen könnt, obwohl XYZ doch euer Thema ist und ihr euch schon ewig und drei Tage damit auseinandersetzt?
Manchmal kann es gut sein, Entscheidungen im Team neu zu verhandeln. Also konkret zu entscheiden, wer welche Verantwortlichkeiten und Entscheidungsfreiräume im Team hat. Es geht auch darum, Transparenz zu schaffen und einander zu entlasten. Ihr könnt zusammen Entscheidungsprinzipien aufstellen, nach denen ihr in Zukunft arbeiten wollt.
Wie das geht?
Der Partizipationspoker ist ein Kartenspiel. Jede*r von euch hat 7 Karten mit unterschiedlichen Stufen der Verantwortung. Bei Stufe 1–3 übernimmt die Leitung die Verantwortung, bei Stufe 4 entscheidet ihr gemeinsam, während die Stufen 5–7 die Entscheidungskompetenz den Mitarbeitenden übergeben.
Nun sammelt ihr Entscheidungssituationen, die bei euch im Team relevant sind. Zusammen auf einem Flipchart oder jede*r für sich auf einem Blatt.
Welche Entscheidungssituationen waren für euch in den letzten Wochen unklar?
Wann wusstet ihr nicht, ob ihr allein entscheiden dürft oder sollt?
Wo habt ihr euch überfordert gefühlt?
Gibt es ein Nadelöhr, das Entscheidungen blockiert?
Danach nehmt ihr euch diese Situationen vor. Eine*r trägt vor, alle Mitspielenden haben ihre 7 Karten auf der Hand und überlegen: Wie würde ich in dieser Situation entscheiden, wenn ich die Leitung wäre?
Jede*r wählt eine Karte und legt sie verdeckt vor sich auf den Tisch. Wenn alle gewählt haben, dreht ihr die Karten um und diskutiert sie zusammen. Gut ist, wenn die Mitspieler*innen mit der höchsten und der niedrigsten Karte erklären, warum sie diese gelegt haben.
Wenn ihr euch nicht entscheiden könnt und Zeit habt, spielt eure Situation in mehreren Varianten, zum Beispiel
Ich will 3 Urlaubstage nehmen.
Ich will 10 Urlaubstage nehmen.
Ich will 30 Urlaubstage nehmen.
Haltet eure Ergebnisse fest. Dazu könnt ihr die 7 Stufen der Partizipation auf eine Achse malen und eure notierten/gezeichneten Kernsituationen dazu hängen. So erinnern sich alle an die gemeinsam gefassten Beschlüsse. Und ihr könnt überprüfen, ob das gut funktioniert. Falls nicht, verhandelt ihr neu.
Für ganz Experimentierfreudige:
Könnt ihr die Idee vom Partizipationspoker auch mit Kindern nutzen, um gemeinsame Regeln aufzustellen? Zum Beispiel vereinfacht mit weniger Stufen? Was macht wie Sinn?
Wir sind neugierig auf eure Erfahrungen, freuen uns über Feedback und wünschen viel Spaß beim Spielen.
Über Sinn und Unsinn von Generationenzuschreibungen
Worin liegen die Chancen?
Wir können Gründe und Motive von typischen Verhaltensmustern besser verstehen, moralische Zuschreibungen durch sachliche Erklärungen ersetzen, bei der Personalführung mehr Synergien nutzen, Generationenvielfalt als Bereicherung statt Belastung wahrnehmen.
Wo liegen die Grenzen?
Wir sollten weder Menschen in Schubladen einsortieren oder sogenannte typische Verhaltensmuster bewerten noch einzelne Generationen bevorzugen und andere zugleich abwerten.
Welche Klischees stimmen? Sind Generationenkonzepte nicht Bullshit?
Ein Plädoyer von Zukunftsforscher Tristan Horx: Wir sollten „Generationen erkennen, ein bisschen über unsere gemeinsamen Differenzen lachen, anschließend drauf pfeifen, abschließend gemeinsam vorwärts. Die nächste Rebellion kommt bestimmt.“
Wisst ihr, welcher Generation ihr angehört?
Ein sehr kurzer Selbsttest:
Hast du Revolutionen (1968/1989) erlebt oder mitgemacht? Hast du sogar zwei Systeme kennengelernt? Gar aufgebaut? Abgebaut? Nutzt du zu viele oder gar keine Emojis beim Versenden von WhatsApp-Nachrichten? Facebook & Fernsehen sind neben deiner Lieblingszeitung dein Lieblingsmedium?
…
OK, willkommen im Club mit dem Etikett: Babyboomer (1946–1964).
Erinnerst du dich noch an die kiffenden, viel älteren Counter-Culture-Student*innen in deiner frühen Kindheit? Dann steht dein eigenes Generationsmotto – „Kopf runter – hart schuften“ – in ziemlichem Kontrast dazu. Der Vietnamkrieg war doof, aber du weißt nicht mehr genau, wieso? Oder ganz genau, warum?
…
Damit gehörst du wahrscheinlich zur Generation X (1965 – 1979) – der vergessenen Generation. Es gibt rein demografisch nicht so viele von dir, du standest im Osten wie im Westen immer ein bisschen im Schatten der Babyboomer.
Erinnerst du dich noch an Myspace? Die Social-Media-Plattform, die alle hatten, von der du dir wünschtest, du könntest sie ungeschehen machen. Noch vor WhatsApp gab es den MSN-Messenger, Yahoo war noch ernst zu nehmen. Den Übergang von Walkman zu iPod bis iPhone hast du am eigenen Körper miterlebt? Ist dir der Terroranschlag von 9/11 in Amerika als größte Katastrophe deiner Lebenszeit in Erinnerung und hast du nice, gleich zwei Wirtschaftskrisen durchgemacht?
…
Hallo, Millennial, auch bekannt als Generation Y (1989-1994)!
Bist du mit dem Smartphone aufgewachsen? Hast swipen vor dem Gehen gelernt, bist digital verseucht? Du findest, Facebook ist nur was für alte Leute? Instagram-Influencer*innen sind zwar lustig anzuschauen, aber irgendwie auch peinlich.
….
Generation Z (1995-2015/2020), ihr seid die jüngste, digitalste Generation jemals. Den Übergang zwischen analog und digital habt ihr nicht mehr miterlebt. Zugleich seid ihr die Hoffnungsträger*innen und Zündler*innen der Fridays-for-Future-Generation, die das Zeitalter der Rebellion maßgeblich prägen werden.1
Na, wiedererkannt? Oder auch nicht?
Und wie sieht es in deiner Kita, deiner Schule… aus?
Babyboomer gegen den Rest? Und umgekehrt? Oder nichts von beiden? Was treiben die Babyboomer, X-Y-Z-ler*innen in deinem Team? Was ist ihnen wichtig, wovon träumen sie, worüber ärgern sie sich? Wie sprechen sie?
Woher kommt ihr, was hat euch geprägt? Wie geht ihr miteinander um?
NEUSTART für eine andere Politik Was sich in den nächsten vier Jahren ändern muss
Noch nie in der jüngeren Geschichte war das Bewusstsein für die Systemrelevanz der Kitas größer – und noch nie waren die öffentlichen Ohrfeigen für die dort Beschäftigten schallender.1
Ist die politische Interessenvertretung des Berufsstands zu schwach, um sich ausreichend Gehör zu verschaffen? Warum gehen die Interessen der Beschäftigten (inkl. Kinder und Familien) unter?
Immer wieder und viel zu schnell?
Das fragten sich vor wenigen Monaten Erzieher*innen, Leitungen, Kinderpfleger*innen und gründeten in zwölf Bundesländern ihre eigenen Fachverbände. Weitere sind auf dem Weg dorthin.
Noch nie gab es in der Geschichte der eigenen Interessensvertretung diese versammelte Praxis-Power. Trägerunabhängig und länderübergreifend: Kitapraxis for future!
Im September 2021 legten die zwölf Verbände ihr erstes gemeinsames Positionspapier vor. Gerichtet an die Politik in Bund und Ländern in der neuen Legislaturperiode 2021–2025.
12
Forderungen für eine gute frühkindliche Bildung und für eine Stärkung der Arbeit der pädagogischen Fachkräfte
Die letzten Jahre haben eindrücklich gezeigt: Kitas sind gesellschaftlich sehr wichtige Bildungseinrichtungen. Deutlich wurde aber auch, dass Kita-Strukturen bestehen, die durch unzureichende Personalausstattung und nicht adäquate Räume gekennzeichnet sind. Zudem wurden auf politischer Ebene die Kindertagesstätten und insbesondere die pädagogischen Fachkräfte nicht ausreichend in die Entscheidungsprozesse eingebunden. Es geht darum, diese Mängel in den nächsten Jahren zügig abzubauen.
Unterzeichnet von den Kita-Fachkräfteverbänden Baden-Württemberg, Bayern, Berlin, Hessen, Niedersachsen/Bremen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Saarland, Sachsen/Sachsen-Anhalt und Thüringen.
1
Den Personalschlüssel dringend verbessern
Gute Bildung und Betreuung von Kindern setzt voraus, dass ausreichend Personal zur Verfügung steht; gemäß der seit Jahren veröffentlichten Berichte der Bertelsmann Stiftung kann in den meisten Bundesländern keine kindgerechte Personalausstattung beobachtet werden. Es besteht deshalb dringender Handlungsbedarf für die Einführung eines bundeseinheitlichen Personalschlüssels gemäß der Sollvorgaben der Bertelsmann Stiftung und dementsprechend einer kindgerechten Fachkraft-Kind-Relation.2 Der erwartete Bedarf liegt dabei auf Basis des Kalkulationsjahres 2018 bei rd. 100.000 zusätzlichen pädagogischen Fachkräften.3
2
Pädagogisch sinnvolle Gruppengrößen festlegen
Viele Kinder auf zu engem Raum ist leider überwiegend die traurige Realität in Kitas. Bei 54 Prozent der Kitas findet sich – gemessen an den pädagogischen Standards – keine optimale Gruppengröße. Dabei ist bekannt, dass eine kleine Gruppengröße sich positiv auf die Entwicklungsbegleitung von Kindern sowie die Gesundheit von Kindern und Erzieher*innen auswirkt.4 Hier besteht neben der Erhöhung des Fachkraft-Kind-Schlüssels ein weiterer dringender Verbesserungsbedarf.
3
In den Ausbau und die Erhaltung von Kitas investieren
In den Kindertagesstätten muss jedem Kind der Raum zur Verfügung stehen, den es für seine individuelle Entwicklung benötigt. Es bedarf deshalb weiterhin einer Investitionsoffensive für Neubauten und Sanierungen. Ferner bedarf es Regelungen, dass Neu- und Ausbau von Kindertagesstätten prioritär bei der Stadtplanung berücksichtigt werden, auch unter Beachtung einer ausreichenden Außenfläche.
Die technische Ausstattung der Kitas ist oft mangelhaft. In jeder Kita müssen ausreichend Laptops zur Vorbereitung, zur digitalen Kommunikation, für Dokumentationsarbeiten und als pädagogisches Medium vorhanden sein.
4
Fachkräfte- und Ausbildungsoffensive starten
Der Fachkräftemangel betrifft die frühkindliche Bildung erheblich und nimmt stetig zu. Die Ausbildungsmodalitäten müssen attraktiver und endlich eine umfassende Fachkräfteoffensive gestartet werden. In vielen Bundesländern müssen die Ausbildungskapazitäten umfassend ausgebaut, vereinheitlicht und das Qualifikationsniveau mindestens beibehalten werden. Die Ausbildung muss kostenlos sein und den Auszubildenden und Studierenden eine Ausbildungsvergütung gewährt werden. Obligatorisch sollte die Bezahlung und Freistellung von Funktionsstellen, wie zum Beispiel Praxisanleitungen sein.
5
Die Arbeit attraktiv vergüten
Trotz der Anpassung der Gehälter von pädagogischen Fachkräften liegen die Gehälter weiterhin 15 bis 20 Prozent unter dem Durchschnitt der bundesdeutschen Verdienste.5 Für die später zu erwartende Rente bedeutet dies, dass selbst nach 40 Jahren Vollzeitbeschäftigung Altersarmut droht.
Um das Berufsfeld attraktiver zu gestalten, bedarf es einer angemessenen Bezahlung, die die Qualifikation ebenso berücksichtigt wie Aufstiegschancen durch Funktionsstellen. Zudem darf es nicht zu Rückstufungen bei einem Stellenwechsel oder bei schwankenden Belegungszahlen („Flexverträge“) kommen.
6
Leitung und Träger besser unterstützen
Um überall eine qualitativ gleiche Bildungs- und Betreuungssituation herzustellen, bedarf es auch eines Ausbaus an Leitungsstellen (Vollzeit) – dies entspricht rd. 20 Tsd. Leitungsstellen gem. Bertelsmann Stiftung (2018). Um gleiche hochwertige Grundvoraussetzungen zu schaffen, sollte eine ausschließliche Leitungstätigkeit von 20 Wochenstunden pro Kita, zzgl. 0,35 Wochenstunden pro ganztagsbetreutem Kind festgelegt werden; zudem sollte eine verpflichtende Stellvertretung vorgesehen werden. Außerdem sollen Trägervertreter in Personalführung, Kommunikation und Kita-Qualität geschult werden und durch Auffrischungskurse die Trägerqualität dauerhaft gesichert werden. Träger müssen verpflichtend mit pädagogischen Fachberatungen zusammenarbeiten, um die aktuellen rechtlichen Gegebenheiten sowie die Qualität zu gewährleisten.
7
Teamentwicklung und regelmäßig Fortbildung ermöglichen
Durch fehlende Vertretungskräfte und niedrige Fortbildungsbudgets finden Fort- und Weiterbildung von pädagogischen Fachkräften oftmals nicht ausreichend statt. Hier braucht es mehr zeitliche und finanzielle Ressourcen für qualitativ hochwertige Fort- und Weiterbildung, für Teambildung, Coaching und Supervision.
8
Gesundheit schützen
Pädagogische Fachkräfte gehören zu den Berufsgruppen, die am stärksten von Covid-196 betroffen sind. Es ist außerdem seit langem bekannt, dass pädagogisches Fachpersonal verstärkt unter psychischen Beeinträchtigungen, Atemwegs- sowie Muskel- und Skeletterkrankungen7 leidet. Deshalb müssen Gesundheitsförderungsprogramme der Berufsgenossenschaften und Krankenkassen sowie der Förderung von gesundheitsgerechten Arbeitsbedingungen zukünftig mehr Aufmerksamkeit in Kitas gewidmet werden. Finanzielle Mittel sind ebenso bereitzustellen, wie es verpflichtender gesundheitlicher Vorgaben – zum Beispiel zum Lärmschutz oder rückengerechtem Arbeiten – bedarf. Die Kooperation mit Gesundheitseinrichtungen (Gesundheitsämtern, Sozialpädiatrische Zentren, etc.) und Kinderärzten muss deutlich verbessert werden. Hier wäre es wünschenswert, wenn Gesundheitsfachkräfte als Ansprechpartner*innen zum Beispiel in den Gesundheitsämtern oder in den Sozialpädiatrischen Zentren zur Verfügung stehen könnten.
9
Aus der Coronakrise lernen – sicher in den Herbst/Winter 2021/22
Für den Herbst/Winter 2021/22 ist es notwendig, alle Kitas mit Raumluftfiltern auszustatten und regelmäßig PCR-Lollipooltests o. ä. neben den bereits üblichen AHA-Regeln in allen Kitas einzuführen. Außerdem sollten pädagogische Fachkräfte für die Auffrischungsimpfung aufgrund ihres hohen arbeitsbedingten SARSCoV-2-Expositionsrisikos weiterhin eine „hohe Priorität“ bei einer Impfung haben. Die Einberufung einer Pandemie-Force für den Kitabereich unter Einbeziehung von Kommunen, Trägern und Kita-Leitungen auf Bundesebene ist erforderlich, damit deutschlandweite durchführbare Regelungen getroffen werden können.
10
Beschäftigte in politische Entscheidungsprozesse nachhaltig einbeziehen
Rund 650.000 pädagogische Fachkräfte arbeiten in Kindertagesstätten und anderen Einrichtungen der Jugendhilfe in Deutschland. Die Berufsverbände der pädagogischen Fachkräfte haben sich deutschlandweit gegründet, um die gesellschaftliche Wahrnehmung und Interessen dieser großen und bedeutenden Berufsgruppe über die gewerkschaftliche Arbeit hinaus auch politisch stärker in den Vordergrund zu rücken. In Anhörungen und Ausschüssen werden überwiegend Vertreter*innen von Trägerverbänden und Elterninitiativen beteiligt. Die Landesverbände der pädagogischen Fachkräfte in Kitas erwarten, dass Interessenvertretungen (neben den Gewerkschaften auch die Fachkräfteverbände) der Beschäftigten in den politischen Gremien umfassend beteiligt werden.
11
Kinderarmut und Ungleichheit bekämpfen
Die Finanzierung und damit Ausstattung von Kitas in den Bundesländern und Gemeinden ist zum Teil sehr unterschiedlich. Daraus ergeben sich ungleiche Bildungs- und Entwicklungschancen für die Kinder. Dabei sind die Kitas als frühe Bildungseinrichtungen bestens dafür geeignet, ungleiche Bildungschancen zumindest zu vermindern. Hier bedarf es einer besonderen Förderung, u. a. von Sprachförderungen, die nur mit einer guten Ausstattung in allen Bundesländern unabhängig von den wirtschaftlichen Bedingungen erfolgreich umgesetzt werden können. Wichtig ist außerdem, dass ein einfacher, kostenfreier und bedarfsgerechter Zugang für Kinder aus sog. bildungsfernen Schichten gewährleistet wird.
12
Frühe Bildung in hoher Qualität als gemeinsame Finanzierungsaufgabe von Bund und Ländern verankern
Gute Bildung kostet Geld. Die Analyse der Bertelsmann Stiftung verdeutlicht, dass die Personalausstattung in vielen Bundesländern insgesamt mangelhaft ist und diese zudem im Vergleich der Bundesländer sehr unterschiedlich ausfällt. Um sowohl die Qualität zu verbessern als auch gleiche Verhältnisse zwischen den Bundesländern in der Betreuung der Kinder herzustellen, bedarf es dringend einer gemeinsamen finanziellen Kraftanstrengung von Bund und Ländern. Die bereitzustellenden Finanzmittel sind im Gegensatz zum sog. „Gute-KiTa-Gesetz“ ausschließlich für eine qualitative Verbesserung der Betreuung und Bildung, insbesondere für die Verbesserung des Personalschlüssels, zu verwenden.
1 Vergleiche: Stefan Spieker in Welt des Kindes, Heft 3/2021
2 Im Unterschied zum Personalschlüssel berücksichtigt die Fachkraft-Kind-Relation die reale Betreuungssituation der Kinder in der Kita unter Berücksichtigung von Krankheitszeiten, mittelbare Arbeit etc.; aufgrund fehlender statistischer Ermittlung ist die Fachkraft-Kind-Relation allerdings nicht bekannt. Der gegenwärtige Ansatz zur Ermittlung eines geeigneten Personalschlüssels beinhaltet 25 Prozent mittelbare Arbeitszeit.
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Kinder, die noch nicht oder kaum mit Worten sprechen, haben ihren eigenen Stil, sich miteinander zu verständigen und aufeinander einzulassen. Wie Kleinkinder sich mit der Kultur der Erwachsenen auseinandersetzen und dabei ihre sehr eigene Kultur entwickeln, wie wir diese wahrnehmen und unterstützen können beschreiben Wiebke Wüstenberg und Kornelia Schneider.
Lebhafte Tischgespräche
Kinder wachsen in die Welt der Erwachsenen hinein, indem sie sich mit ihrer Umgebung und mit den Gepflogenheiten der Lebensgemeinschaft, in die sie hineingeboren wurden, mehr und mehr vertraut machen. Von Geburt an erproben sie ihre Handlungsmöglichkeiten, ahmen Vorbilder nach und erkunden die Erwartungen Erwachsener. Sie beobachten sehr genau, was vor sich geht.
Erwachsene ihrerseits führen Kinder direkt und indirekt in ihre Welt ein: durch die Art des Umgangs mit ihnen, durch Vorbild und Anleitung. Doch Kinder übernehmen die vorherrschende Kultur nicht einfach, sondern nutzen Spielräume für eigene Interessen und Deutungen. Im Rahmen ihrer Möglichkeiten tragen sie aktiv zur Kultur bei, indem sie wählen, was ihnen zusagt, und verweigern, was ihnen nicht passt, indem sie Kontakt suchen oder vermeiden, Dinge ausprobieren, Vorgehensweisen erfinden, Vorschläge anderer Menschen annehmen oder ablehnen und selbst Vorschläge machen.
Corsaro1 nennt das „interpretative Reproduktion“. Damit ist gemeint, dass die Kinder eigene Bedeutungen schaffen, wenn sie sich die Kultur ihrer Umgebung aneignen. Einerseits lassen sie die Kultur, die sie kennenlernen, in ihren Spielen und ihrer Beteiligung an gemeinschaftlichen Aktionen wiedererstehen. Andererseits erfinden sie eigene Spielarten, wenn sie Informationen aus der Erwachsenenwelt mit ihren Belangen verbinden. Sie entfalten eine eigene Kultur, indem sie miteinander verhandeln, indem sie teilen, was sie gelten lassen, und indem sie Neues ersinnen und tun.
Besonders kennzeichnend für die Kultur der Kinder sind Gruppenprozesse, in denen sie eigene Rituale unter Peers entwickeln und als Routinen ausleben.2 „Diese kollektiven Aktivitäten beinhalten bestimmte Muster, Wiederholungen und Kooperation als Ausdrucksformen ihrer miteinander geteilten Werte und Belange.“3 Sie werden als Aktivitäten „nach eigenem Recht und Maßstab“4 angesehen.5
Corsaro geht davon aus, dass dabei zwei Themen für die Kinder zentral sind:
• Kinder wollen aus eigener Kraft handlungsfähig und wirksam sein. Sie „versuchen unaufhörlich, Kontrolle über ihr Leben zu bekommen und das mit anderen Kindern zu teilen“6.
• Aus ihrem Wunsch nach Selbstbestimmung erwächst häufig das Bestreben, „die Erwachsenen-Autorität herauszufordern“7, indem sie den Erwartungen der Erwachsenen ihre eigenen Ideen gemeinschaftlich entgegensetzen. Sie spielen mit sozialen Regeln und Routinen, machen Quatsch, setzen Humor ein und benutzen bewusst spielerisch „rüde“ Wörter, von denen klar ist, dass sie nicht erwünscht sind.
Im Spiel mit sozialen Regeln und Routinen, die aus der Erwachsenenwelt stammen, entsteht eine „subversive Spannung“, die von manchen Autor*innen auch als „Gegenkultur“ oder Oppositionsroutine bezeichnet wird. Löfdahl8 nennt die Versuche, die Erwachsenenwelt zu hinterfragen, indem sie herausgefordert wird, Anpassungsleistungen der zweiten Art9. Anpassungsleistungen erster Art10 signalisieren, dass Kinder machen, was ihnen gesagt wurde. Die zweite Art „befähigt sie, Erwartungen und Anforderungen scheinbar zu erfüllen11, während sie sich der Auferlegung kultureller Regeln und Normen aus der Erwachsenenwelt gemeinsam erwehren“12. In dieser subversiven Spannung finden Kinder einen Weg, auf spielerische Weise Widerspruchsgeist zu entfalten, der vom Gruppenzusammenhalt getragen ist.13 Die Lust am Durchbrechen der Ordnung, die Erwachsene herstellen, ist mit kollektiver Power verbunden.14
Damit deutlich ist, worum es geht, beschreiben wir eine Szene, die sich bei einer Mahlzeit in einer australischen Kindertageseinrichtung ergab.
Tisch-Regeln erfüllen und zugleich unterminieren
Acht Kinder zwischen zwei und fast fünf Jahren sitzen mit einer Erzieherin15 beim Morgentee um einen runden Tisch. Eine Schale mit Bananen- und Orangenstücken wird herumgereicht. Die drei älteren Kinder – vier Jahre und drei Monate, vier Jahre und acht Monate, drei Jahre und zehn Monate – sitzen der Erzieherin gegenüber. Sie bewegen sich hin und her; Stühle, Becher und Füße kratzen auf dem Tisch und dem Boden. Die Atmosphäre ist geschäftig und geräuschvoll. Die Jüngeren rutschen in ihren Stühlen, beobachten die älteren Kinder und die Erzieherin, die mit ihnen spricht, während sie ihnen Früchte anbietet.
Tom, vier Jahre und drei Monate, steht vor seinem Stuhl und rollt seinen leeren Wasserbecher auf dem Tisch. Sein Körper bewegt sich mit dem Becher hin und her. Zizi, vier Jahre und acht Monate, und Peta, drei Jahre und zehn Monate, schaukeln bedenklich mit ihren Stühlen. Tom schaut die Erzieherin an und beginnt zu singen:„Bitte, reich mir das Pi-Pi!“
Er bekommt keine Antwort und wiederholt seinen Gesang. Als er immer noch keine Antwort bekommt, verändert er das Lied: „Bitte, reich mir den Zu-ug!“ Zizi stimmt ein: „Bitte, reich mir den Zu-ug!“ Die Erzieherin hatte vorher Zuggeräusche gemacht, als sie die Obstschale behutsam weiter über den Tisch schob.
Zizi: „Bitte, reich mir das O-obst!“
Tom: „Bitte, reich mir das O-obst!“
Zizi: „Bitte, reich mir den Lollypop!“
Tom: „Bitte, reich mir den Bananenpop!“
Zizi: „Bitte, reich mir den Orangenpop!“
Peta: „Bitte, reich mir den Eisblock!“
Tom und Peta gemeinsam: „Bitte, reich mir den Eisblock!“
Tom: „Bitte, reich mir den Pop-Pop!“
Die Kinder werden unruhig, schrammen mit ihren Stühlen auf dem Boden und schieben ihre Wasserbecher auf dem Tisch hin und her. Tom rollt seinen leeren Becher seitwärts rund um die Tischplatte. Wiederholt bewegt er sich in und auf seinem Stuhl, obwohl die Erzieherin ihm mehrmals sagt, dass er sich hinsetzen solle. Die meisten Kinder bleiben nicht still sitzen. Wasser aus Bechern wird verschüttet.16
Dass Kinder bei Mahlzeiten unruhig werden und andere Dinge im Sinn haben, als zu essen, haben alle, die in Kindertageseinrichtungen arbeiten, schon erlebt. Doch die wenigsten Fachkräfte wissen, dass mehr dahinter steckt, als Unsinn zu machen und sich nicht an Regeln zu halten.
Es geht den Kindern nicht darum, Regeln zu verletzen, sondern im Rahmen vorhandener Rituale neue Handlungsweisen zu erfinden und zu erproben. Sie nutzen die üblichen Regeln, Routinen und vertrauten Skripts, also den üblichen Ablauf des Morgentees, um sie mit eigenen Inhalten zu füllen.
Typisch für solche improvisierten Spiele rund um Regelgewohnheiten ist: Sie beinhalten Wiederholungen mit Abwandlungen und bereiten den Kindern viel Spaß. Übertreibungen gehören dazu, um Spannung zu erzeugen und aufrechtzuhalten.
Autorinnen, die solche Szenen beschreiben, sehen eine besondere Fähigkeit und Leistung darin, dass Kinder sich auf diese Weise eine eigene Welt erschaffen, die ihrem Zusammenhalt dient. Sie sprechen von „free up rules” – Befreiungs- oder Freisetzungsregeln.17 Damit meinen sie, dass Kinder – eingebettet in bekannte Routinen – Regeln abändern, um sich auf diese Weise von den Vorgaben der Erwachsenen zu befreien, ihnen zumindest etwas Eigenes entgegenzusetzen. Solche Versuche gelten als Eigenart junger Kinder, sich und einander der Zugehörigkeit zu ihrer kulturellen Gemeinschaft zu versichern. Es ist ihre „Sprache der Zusammengehörigkeit“18, deren Hauptsinn darin besteht, sich dieser Sprache zu bedienen, um ein Zusammengehörigkeitsgefühl herzustellen: Zusammengehörigkeit als Prozess, Ziel und Ergebnis. Auch Kinder, die noch nicht mit Worten sprechen, beherrschen diese Sprache der Zusammengehörigkeit.
Spielideen mit Variationen ISpielideen mit Variationn IISpielideen mit Variationen IIISpielideen mit Variationen IV
Fazit: Kleinkinder sind Kulturträger
Schon Kleinkinder schaffen sich Möglichkeiten, Mitglieder einer Gruppe zu sein, indem sie sich aus freien Stücken an kollektiv entwickelten Ritualen und Routinen beteiligen oder aussteigen. Diese gelebten Erfahrungen eines gemeinsam erlebten „Wir“ sind eine Grundlage für die Entwicklung von gegenseitigem Interesse, Respekt und Gemeinsinn. Kinder leisten also von klein auf einen eigenen Beitrag zur Beziehungsfähigkeit.
„Indem Krabbelkinder ihre eigene Kultur schaffen, sozialisieren sie sich gegenseitig. Sie beeinflussen sich und entwickeln Sozialkompetenzen für den Umgang miteinander. Handlungsabfolgen, in denen ein Kind die Perspektive eines anderen einnimmt, sind Entwicklungsstrategien, um vom anderen verstanden zu werden; das Kind koordiniert sein Handeln mit dem anderen oder passt sich an.“19So erlebt das Kind Modelle von Möglichkeiten des Zusammenseins, die auch in späteren Jahren im Umgang mit anderen Peers wirksam sind.
Prinzipiell finden Kinder durch das Interagieren mit anderen Menschen heraus, worum es in der Kultur geht und wie ihre Sicht der Welt darin Ausdruck findet. Durch Teilnahme an den Spielen und Routinen ihrer Welt lernen sie die Peer-Kultur kennen und erweitern sie zugleich. Sie erfahren dabei, was Kultur ist und dass es verschiedene Kulturen gibt.
„Toddler style“, die Eigenart der Verständigung und Organisation von Spielen unter Ein- und Zweijährigen, ist die Grundlage für den Aufbau eines kulturellen Systems unter Kindern. Es ist ein Stil „in its own right“, also von eigenem Wert und eigener Berechtigung. Der Prozess, Spiele durch Wiederholen zu kultivieren, erweist sich als grundlegende Qualität des Kleinkindstils. Kulturelle Praktiken, die von solchen Routinen getragen sind, enthalten ein Verhaltensrepertoire, das Kindern ermöglicht, Gruppen zu bilden und an Gruppen teilhaben zu können.20
Diese Erkenntnis steht im krassen Gegensatz zu der Vorstellung, die noch bis vor 20 Jahren herrschte und zum Teil auch heute in der Fachliteratur zu finden ist: Kinder seien vor dem Kindergartenalter nicht gruppenfähig. Im Gegenteil: Gerade in ihrer Fähigkeit, Gruppenspiele auf die Beine zu stellen, zeigt sich ihr Potenzial, eine eigene Kultur zu entfalten. Bereits Kleinkinder schaffen sich aus eigener Kraft starke Kooperationsmöglichkeiten. In ihrem eigenen Stil versichern sie sich, ein Kleinkind zu sein, das mit anderen Kleinkindern, die so sind wie sie, viele Gemeinsamkeiten teilt. Es gibt ein Ich, ein Du und ein Wir im Erleben dieser Gemeinsamkeiten von Menschen, die noch keine drei Jahre alt sind. In der Erfahrung von Kleinkindern, auf eigene Art und Weise aufeinander auszustrahlen und zu reagieren, ist enthalten, was Kommunikation grundsätzlich ausmacht: sich einlassen und sich miteinander verständigen.
Mehrere Autorinnen und Autoren benennen das gemeinsame Spiel als „Herzstück der sozialen Inklusion“.21
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Kennen Sie Spielrituale und Routinen unter Kleinkindern? Wenn nicht: Woran könnte das liegen?
Wie kommen die Kinder in Ihrer Kindertageseinrichtung zu Peer-Kontakten? Was spielt sich in den Beziehungen unter Kindern ab?
Welche Ihrer Beobachtungen können Sie der „Kultur der Kinder“ zuordnen?
Konnten Sie den „toddler style“ in Interaktionen unter Kindern schon entdecken?
Im „toddler style“ entwickeln die Kinder eigenständig Prozesse von Intersubjektivität. Nach Stern besteht der Prozess von Intersubjektivität im ersten Lebensjahr darin, sich mit anderen Personen aufeinander einzustimmen und abzustimmen. Das gilt nicht nur für Kinder im Kontakt mit erwachsenen Bezugspersonen, denn offensichtlich tun Kinder das auch untereinander. Deutlich sichtbar ist das ab dem zweiten Lebensjahr.
Kinder erfüllen in ihrem Stil auch die drei Hauptzüge der Intersubjektivität, die Stern22 nennt: die Aufmerksamkeit gemeinsam auf die gleiche Sache ausrichten, gemeinsame Absichten entwickeln und Gefühlszustände miteinander teilen.
In unserer von der Kleinfamilienstruktur geprägten Kultur ist das Entstehen von Gemeinschaft unter Kindern nicht mehr selbstverständlich. Erst die Kindertageseinrichtungen schaffen neue Möglichkeiten für Kindergemeinschaften.
In anderen Kulturen ist es üblich, dass Kinder ein eigenes Fürsorge- und Zusammenlebenssystem aufbauen. Viele Forschungsberichte beschreiben, wie jüngere und ältere Kinder aus der Verwandtschaft und Nachbarschaft den Alltag miteinander teilen.23 Allerdings erfahren wir nicht, welche Rolle altersgleiche oder -ähnliche Beziehungen in dieser Welt der Kinder spielen.
Seit immer mehr Kinder aus anderen Kulturkreisen unsere Kindertageseinrichtungen besuchen, stellt sich die Frage: Wie können Kinder mit so unterschiedlichen Erfahrungshintergründen miteinander zurechtkommen?
Mit hoher Geschwindigkeit über Hindernisse hinweg den Raum durchqueren.
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Bei welchen Gelegenheiten ergibt sich Synchronizität unter Kindern?
Wie oft berichten Sie einander und/oder den Eltern von Begegnungen unter den Kindern, die ihnen Freude bereiten?
Wie gehen Sie als pädagogische Fachkraft im Umgang mit Eltern und Kindern auf unterschiedliche Kulturen ein?
Trägt die Verständigung unter Erwachsenen dazu bei, Brücken unter Kindern zu bauen?
Um zu verstehen, wie Kinder damit umgehen, benutzen Yahya und Wood24 das soziokulturelle Konzept vom dritten Raum25, den sie als Brücke zwischen dem Zusammenleben in der Familie und in der Kindertageseinrichtung verstehen. Die Kultur der Familie bildet den ersten Raum, die der Kindertageseinrichtung den zweiten. Was durch das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Kulturen in den Interaktionen von Kindern in der Kindertageseinrichtung entsteht, wird als dritter Raum bezeichnet. Dieser Raum tut sich im Zusammenspiel vor allem dann auf, wenn pädagogische Fachkräfte freies Spiel zulassen und bei angeleiteten Aktivitäten auf die Interessen und Erfahrungen der Kinder eingehen. Dabei wird deutlich, dass es nicht um Bi-Kulturalität geht, sondern darum, etwas Drittes, Neues zu schaffen.
Das Konzept des dritten Raums ermöglicht Erwachsenen Einblick in die dynamischen Prozesse, in denen Kinder Unterschiede wahrnehmen, verstehen und miteinander aushandeln.
Die Forschung dazu steht noch am Anfang. Erste Hinweise, worauf zu achten wäre, liefert die Untersuchung von Yahya und Wood26, die in Kanada Interviews mit 19 Müttern und ihren Kindern im Alter von fünf bis sieben Jahren führten. Diese Mütter hatten ihre Kindheit in elf verschiedenen anderen Ländern verbracht.
Die Auswertung der Interviews ergab: Es gibt vier unterschiedliche Praktiken, wie Kinder, die kulturelle Dissonanzen erleben, ihre Ressourcen nutzen, um Lösungen zu finden, die ihre Identität nicht gefährden:
1. Die Kinder verhandeln beim Spielen über ihre unterschiedlichen kulturellen Erfahrungen, bereichern dabei ihr Wissen und erweitern ihre Erfahrungen.
2. Manche Kinder suchen als Anker einen Aspekt ihrer Identität bei einem anderen Kind und entwickeln mit diesem Kind, das einen Erfahrungshorizont mit ihm teilt, eine bevorzugte Spielpartnerschaft.27
3. Die Kinder stellen besondere Fähigkeiten oder Interessen in den Mittelpunkt, die zu Hause und in der Kindertageseinrichtung Anerkennung finden.
4. Die Kinder beginnen, mit ihrer Identität zu spielen, indem sie etwas für sich erproben, das aus einer anderen Kultur stammt.
Kinder unternehmen große Anstrengungen, um in den Auseinandersetzungen mit Peers in der Gemeinschaft gut aufgehoben zu sein.
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1 Corsaro 1994, 2 Siehe Kapitel 2.2, 3 Corsaro 2006: 109f. – Übersetzung: K. S., 4 „In its own right“, 5 Evaldsson/Corsaro 1998: 382, 6 Corsaro 2006: 104, 7 Ebd., 8 Löfdahl 2014, 9 Secondary adjustments, 10 Primary adjustmens, 11 Comply, 12 Ebd.: 344, 13 Beispiele dazu enthält Kapitel 6., 14 Wüstenberg 2018: 16, 15 Teacher. Es ist nicht ersichtlich, ob es tatsächlich eine Frau ist., 16 Alcock 2007: 284-285, 17 Alcock 2007: 292, 18 „Language of togetherness“, 19 Michélsen 2011: 12, 20 Corsaro 2002: 323, 21 Friederich/Schelle 2017: 389, 22 Stern 2015, 23 Lamm 2018, 24 Yahya/Wood 2017, 25 Third space, 26 Yahya/Wood 2017 , 27 Siehe Kapitel 1.9
Text: Wiebke Wüstenberg und Kornelia Schneider
Fotos: Julian van Dieken
* wamiki-Tipp: Wie entwickeln die Jüngsten ihre Beziehungen zueinander? Und wie können pädagogische Fachkräfte diese wahrnehmen und unterstützen? ICH–DU–WIR ist das professionelle Handwerkszeug für alle, die Kinder in den ersten drei Lebensjahren begleiten. Ein Sesam-Öffne-Dich in das neue Verständnis von jungen Kindern und ihrer Beziehungen zueinander.
Wiebke Wüstenberg, Kornelia Schneider
ICH–DU–WIR, Wie Kinder in den ersten drei Lebensjahren ihre Beziehungen miteinander gestalten: Erkenntnisse aus Forschung und Praxis, 516 Seiten, mit Fotos, vierfarbig, 2., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage 2021, ISBN 978-3-96791-006-3,
29,90 Euro, zzgl. Versand