Liebe und Missbrauch. Ted van Lieshouts Buch

Ted van Lieshout erzählt von einer Liebe, die es nicht hätte geben dürfen. In lyrischer Form und in Briefen lässt er uns an Kindheitserinnerungen teilhaben und vermittelt uns Bilder eines eigenwilligen, vaterlosen Jungen.

Ted van Lieshout: Sehr kleine Liebe

In konzentrischen Kreisen nähert er sich dem Erleben des Kindes, beschreibt dessen Sehnsucht, hinaus ins Leben zu gehen, ein bisschen weiter weg von der Mutter, die „mich bespitzelt, dass mir von der Welt / kein Leid zustößt.“

Auch die Verse „mein Herr M. / mein Freund und ich“ erzählen vom Wegbewegen, von einer Reise nach Dordrecht, und erwecken den Eindruck, als sei nur die Lyrik in der Lage, das zu benennen, was Tabu ist: der geliebte Freund ist Herr M. In einem anderen Gedicht fragt der Autor die Mutter, wie er denn Nein sagen kann zu einem Menschen, der ihm einen eigenen Namen gibt.

25 Jahre später schreibt Herr M. einen Brief, in dem er das Kind, das nun ein erwachsener Mann ist, um Vergebung bittet. In diesen Brief erfährt van Lieshout, dass er der einzige Junge war, nicht einer von vielen, wie er im Nachhinein vermutet hatte. „Und damit werde ich zurückgeschickt zu dem, für das ich es hielt, als es geschah: Zwei Menschen empfanden sich gegenseitig als etwas Besonderes und hatten aus diesem Grund eine Beziehung. Zufällig war der eine ein Mann und der andere ein Junge.“

In seinem Antwortbrief erklärt van Lieshout, er bedauere es, dass der andere Mann das Schöne leugnen musste, dass es gab, obwohl er zu weit ging, und bietet an, einander noch einmal zu treffen. Denn „es ist etwas Unerledigtes, das nicht … mit ein paar Briefen abgehandelt werden kann“.

Das findet auch Herr M. und will anrufen, wenn er so weit ist. Aber er ruft nie an.

Die folgenden Gedichte lassen uns die Gefühle des wartenden Ted van Lieshout miterleben, der dem geliebten Mann beteuert: „Ich habe Sie nie verraten.“

In seinem Nachwort betont Ted van Lieshout: „Dieses Buch … habe ich gemacht, um zu zeigen, dass Kinder, die etwas derartiges erlebt haben, nicht automatisch verloren sind. Wenn man sich gut um sie kümmert, haben sie eine ungefähr ebenso große Chance auf Glück wie jeder andere auch. Dennoch hätte mir nicht widerfahren dürfen, was mir widerfahren ist.“

Ich finde dieses leise, poetische Buch zu einem Thema, das in den Medien ausschließlich skandalisiert wird, anrührend und mutig. Nicht allein der Erwachsene hatte Angst davor, verraten zu werden, sondern auch das Kind – noch nach mehr als 30 Jahren.

So offen und warmherzig darüber zu schreiben, dass er sich als Kind geliebt fühlte und geliebt hat, damit bricht Ted van Lieshout ein Tabu in der literarischen Darstellung von Missbrauch. Allzu leicht wird Liebe als etwas Eindeutiges gesetzt – als wäre jedem Menschen klar, was sie ist und was sie darf und was sie muss: Eltern lieben ihre Kinder, Mutter und Vater lieben einander, und Menschen haben Sex, weil sie sich lieben.

Ich kenne Menschen, die zu dem Zeitpunkt, als ein Erwachsener sie liebte, Kinder waren und diese Liebe nicht als Missbrauch erlebten. Erst viel später, als sie selbst erwachsen waren, erkannten sie, dass der Erwachsene ihre Zuneigung und Unerfahrenheit ausgenutzt hatte, obwohl oder weil er sie liebte. Die Auseinandersetzung mit dieser Erfahrung müssen sie nun allein oder mit Hilfe einer Therapie bestehen.

Erst 16 Jahre nach seinem Erscheinen in den Niederlanden kommt Ted van Lieshouts Buch bei einem kleinen deutschen Verlag heraus – dem Susanna Rieder Verlag. Die künstlerische Gestaltung mit Bildern von Brigitte Püls überzeugt ebenso wie Rolf Erdorfs Übersetzung aus dem Niederländischen.

Kann van Lieshouts Buch ein Jugendbuch sein? Diese Frage ist schwer zu beantworten. Ich kann mir jedoch Kinder ab 12 Jahren und Jugendliche vorstellen, die das Buch mit Gewinn und Verständnis lesen, weil es ihnen hilft, eigene Probleme und Erfahrungen besser zu verstehen und zu verarbeiten. Schon das Gefühl, mit ähnlichen Erlebnissen nicht allein zu sein, kann hilfreich wirken.

 

Gabriela Wenke

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